Joseph Nicéphore Niépce schuf 1826 mit der „Vue de la fenêtre“, also dem Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, die vermutlich erste Fotografie der Geschichte. Es war der Grundstein für die Entwicklung einer Technologie, die schon bald zum kollektiven Gedächtnis und später zur Kunst werden sollte. 200 Jahre später feiert die Fotografie ihr Jubiläum mit Ausstellungen, Sonderauktionen und Messen. So steht heuer etwa die Fotomesse Paris Photo (12. bis 15. November) ganz im Zeichen des Jubiläums und die Jubiläumsauktion (28. Mai) von OstLicht/WestLicht in Wien nahm „25 Jahre WestLicht und 200 Jahre Fotografie“ zum Anlass, die Geschichte des Mediums und seine Marktentwicklung neu zu beleuchten.

Kaum jemand hat die Entwicklung der Fotografie in Österreich so konsequent begleitet wie Peter Coeln, Fotograf, Sammler und Gründer des Fotomuseums WestLicht in Wien sowie der Galerie und des Auktionshauses OstLicht. Coeln versteht seine Auktionen als Angebot „von Sammlern für Sammler“, also mit einem Fokus auf Provenienz, historische Relevanz und Expertise statt bloßer Marktmechanik. Gerade im Jubiläumsjahr zeigt sich diese Haltung besonders deutlich: Die Auktion verbindet historische Meisterwerke mit Positionen jüngerer Künstler und versteht sich zugleich als Reflexion über zwei Jahrhunderte Fotogeschichte.

Das Jubiläumsjahr fällt allerdings in eine Phase der Verunsicherung. Der internationale Kunstmarkt schwächelt nach wie vor, Galerien kämpfen mit sinkenden Umsätzen, Sammler sind vorsichtiger. „Es ist überhaupt nicht rosig“, sagt dazu Johannes Faber, einer der wenigen auf Fotografie spezialisierten österreichischen Händler und Experte für das Auktionshaus Leitz Photographica Auction. „Die Sammler halten sich zurück. Es ist leichter, etwas um 50 Millionen zu verkaufen als um 5.000 Euro.“

Antoniou Platon (*1968): Muammar al-Gaddafi, New York 2009. Schätzpreis: 7.000 bis 8.000 Euro.
Antoniou Platon (*1968): Muammar al-Gaddafi, New York 2009. Schätzpreis: 7.000 bis 8.000 Euro. OstLicht Photo Auction

Große Namen bleiben gefragt

Die „üblichen Verdächtigen“, wie Faber sie nennt, bleiben dennoch gefragt: Man Ray, Edward Weston, Ansel Adams, Henri Cartier-Bresson oder Josef Sudek zählen weiterhin zu den verlässlichsten Namen des Vintage-Markts. Edward Steichens berühmtes „The Flatiron“ oder Cartier-Bressons ikonische Street Photography erzielen regelmäßig sechsstellige Ergebnisse. Richard Avedon, Irving Penn oder Helmut Newton gehören ebenfalls zu den konstant starken Positionen des internationalen Handels.

An der Spitze des Marktes bewegen sich allerdings nur wenige Namen. Bis heute gilt Man Rays „Le Violon d’Ingres“ als teuerste jemals versteigerte Fotografie. Das surrealistische Foto aus dem Jahr 1924 erzielte 2022 bei Christie’s 12,4 Millionen Dollar. Der Rekord markierte zugleich
einen symbolischen Wendepunkt. Fotografie wurde endgültig in jene Preisregionen aufgenommen, die zuvor fast ausschließlich der Malerei vorbehalten waren. Andreas Gurskys „Rhein II“, das 2011 für 4,3 Millionen Dollar verkauft wurde, zählt weiterhin zu den wichtigsten Rekorden der zeitgenössischen Fotografie.

Wim Wenders (*1945): Dämmerung in Coober Pedy, Australien 1978. Schätzpreis: 6.000 bis 8.000 Euro.
Wim Wenders (*1945): Dämmerung in Coober Pedy, Australien 1978. Schätzpreis: 6.000 bis 8.000 Euro. OstLicht Photo Auction

Zurzeit sind Man Rays Fotos besonders gefragt, denn vom seit einigen Jahren anhaltenden Boom des Surrealismus auf dem internationalen Kunstmarkt profitieren auch fotografische Positionen. Neben Man Ray zählen dazu Dora Maar, Claude Cahun oder Maurice Tabard sowie experimentelle Arbeiten der Zwischenkriegszeit. Die Verbindung aus kunsthistorischer Bedeutung, ikonischer Bildsprache und vergleichsweise geringer Verfügbarkeit macht diese Werke besonders attraktiv für Sammler.

Peter Coeln beobachtet dabei allerdings weniger kurzfristige Trends als langfristige Verschiebungen. „Die großen Highlights sind immer gefragt“, sagt er, gleichzeitig sei es aber schwierig geworden, allgemeine Marktbewegungen klar zu definieren. Während außergewöhnliche Vintage-Arbeiten weiterhin internationales Interesse erzeugen, habe sich das Sammlerpublikum stark verändert.

Moriz Nähr (1859–1945): „Der Kuss" von Gustav Klimt, Wien 1904. Extrem seltener Vintage-Kollodiumabzug. Schätzpreis: 5.000 bis 6.000 Euro.
Moriz Nähr (1859–1945): „Der Kuss" von Gustav Klimt, Wien 1904. Extrem seltener Vintage-Kollodiumabzug. Schätzpreis: 5.000 bis 6.000 Euro. OstLicht Photo Auction

Trend zur zeitgenössischen Fotografie

Eine der wesentlichsten Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte ist die zunehmende Annäherung der Fotografie an den zeitgenössischen Kunstmarkt. Während auf der Paris Photo in den späten 1990er-Jahren noch überwiegend klassische Schwarz-Weiß-Fotografie gezeigt wurde, dominieren heute großformatige, farbintensive Positionen. Es ändert sich aber auch das Sammlerpublikum. Vintage-Fotografie, also kleine, oft fragile Silbergelatineabzüge der Zwischenkriegszeit, spricht heute vielfach eine ältere Generation an. Zeitgenössische Fotografie dagegen orientiert sich stärker an den Mechanismen des allgemeinen Kunstmarkts mit seinen großen Formaten, limitierten Editionen, musealen Präsentationen und hohen Preisen.

Rudolf Koppitz (1884–1936): Bewegungsstudie, Wien 1925. Schätzpreis: 40.000 bis 60.000 Euro.
Rudolf Koppitz (1884–1936): Bewegungsstudie, Wien 1925. Schätzpreis: 40.000 bis 60.000 Euro. OstLicht Photo Auction

Die Düsseldorfer Schule etwa rund um Bernd und Hilla Becher hat diesen Übergang maßgeblich geprägt. Künstler wie Andreas Gursky, Candida Höfer oder Thomas Ruff etablierten Fotografie als gleichwertiges Medium im Hochpreissegment der Gegenwartskunst. Gleichzeitig entstanden neue Sammlergruppen, die Fotografie nicht mehr dokumentarisch, sondern als konzeptuelle Kunstform verstehen. Allerdings scheint gerade dieses Segment zuletzt etwas an Dynamik verloren zu haben. Faber beobachtet, dass selbst Arbeiten von Gursky auf internationalen Messen seltener zu sehen seien, was er den inzwischen überhöhten Preisen zuschreibt. Hinzu kommen Diskussionen über Materialität und Haltbarkeit großformatiger Farbarbeiten, die manche Sammler vorsichtiger werden lassen.

Coeln sieht die Zukunft des Mediums dennoch optimistisch, gerade weil Fotografie im Vergleich zu anderen Sammelgebieten relativ zugänglich geblieben ist. Mit dem Format „100x100“ bietet OstLicht mehrmals im Jahr hundert authentische Vintage-Pressefotografien mit einem Startpreis von 100 Euro an, bewusst niederschwellig und ohne Zusatzgebühren. „Wir wollen junge Leute motivieren zu sammeln“, sagt Coeln. Der Erfolg des Formats zeigt, dass die Faszination für historische Fotografie ungebrochen ist.

Denn trotz einzelner Millionenrekorde bleibt Fotografie ein vergleichsweise demokratisches Sammelgebiet. Bedeutende Arbeiten lassen sich oft noch im niedrigen vierstelligen Bereich erwerben. Und ein weiterer Vorteil dieser Sparte ist laut Coeln der Umstand, dass Fotografie nie spekulativ angetrieben wurde.

Douglas Kirkland (1935–2022): Audrey Hepburn, Paris 1965. Schätzpreis: 5.000 bis 6.000 Euro.
Douglas Kirkland (1935–2022): Audrey Hepburn, Paris 1965. Schätzpreis: 5.000 bis 6.000 Euro. OstLicht Photo Auction

Viele Argumente sprechen langfristig für das Medium. Die institutionelle Anerkennung ist heute größer denn je und die kunsthistorische Bedeutung unbestritten. Museen erweitern ihre Fotosammlungen, internationale Messen sind trotz wirtschaftlicher Unsicherheit gut besucht und die visuelle Kultur des 21. Jahrhunderts ist ohne Fotografie nicht denkbar.