Es gibt tatsächlich ein Wort für die zufällige Entdeckung einer fremden Welt. Der englische Romancier Horace Walpole erfand es im 18. Jahrhundert für sein Märchen „Die drei Prinzen von Serendip“. Der Blick auf etwas wundersam Neues heißt seither Serendipity.
Arabische Seefahrer hatten schon im Mittelalter ihr eigenes Serendip: eine Insel im Indischen Ozean, die plötzlich und unerwartet vor ihnen auftauchte und die wir heute als Sri Lanka kennen.
Gesundheit erhalten
Heute landen jährlich rund zwei Millionen sonnenhungrige Badetouristen am Bandaranaike International Airport in Colombo. Ein Viertel der überwiegend europäischen Gäste gönnt sich irgendwas mit Ayurveda. Mit einer authentischen Ayurveda-Kur hat das aber nichts zu tun.
Die mindestens 3.000 Jahre alte indische Heilkunst will nämlich nicht nur heilen, sondern auch Gesundheit erhalten. Der Schlüssel dafür ist, die drei Lebensenergien Vata, Pitta und Kapha ins Gleichgewicht zu bringen. Diese „Doshas“ sind bei jedem Menschen individuell ausgeprägt, ihr Verhältnis kommt durch schlechte Gewohnheiten wie zu wenig Schlaf, falsche Ernährung oder Stress ins Kippen. Darüber hinaus werden auch Krankheiten wie Lähmungen, Parkinson, Psoriasis, Rheuma, Arthritis oder Ischias behandelt.

Westliche Ayurveda-Pilger sind freilich mehr auf der Suche nach dem Abschaltknopf ihres geschäftigen Gedankenkarussells und nach gesunder Ernährung sowie einer „Aufladung ihrer Batterien“. Ob Ayurveda das kann, ist eine Glaubensfrage. Viele schwören darauf. Obwohl eine authentische Ayurveda-Kur mindestens zwei Wochen dauert, ziemlich anstrengend und nicht eben billig ist.
Ayurveda wird in Indien, Nepal und in Sri Lanka praktiziert. Die Insel Sri Lanka ist zum bevorzugten Ziel westlicher Ayurveda-Fans geworden, weil die Therapien als sanfter gelten als jene in Indien und viele lokale Kräuter verwendet werden, die sich von indischen unterscheiden. Die ayurvedische Küche auf Sri Lanka integriert zudem lokale Produkte wie Kokosnuss und Fisch, ist aber dennoch ganzheitlich.
Der Weg ist nicht das Ziel

Es ist ein breiter Weg zur ayurvedischen Balance. Mein Ziel ist das vielfach ausgezeichnete Barberyn Waves, eine großzügige Fünf-Sterne-Anlage an der Südküste Sri Lankas mit gepflegtem Dschungel und schönen Pools, vor allem aber mit einer eigenen Kuranstalt, Health Center genannt, die mit acht Ärzten und vierzig Schwestern, Masseuren, Akupunkteuren und so weiter großzügig ausgestattet ist.
Ein Hotelchauffeur holt die Gäste vom 140 Kilometer entfernten Flughafen ab.
Das Verkehrsgewühl auf der Insel bringt meine Doshas ziemlich durcheinander, ich werde aber drei Stunden später durch die an „Alice im Wunderland“ erinnernde Einfahrt zum Barberyn Waves belohnt: Kein Schild, kein Hinweis, nur das ayurvedische Wissen des Fahrers, eine magische Schranke des Securitymanns – und schon ist man in einem grünen Paradies, wo das Wissen des Lebens wartet.
Wird mich der Affe lausen?

An der sonnigen Südküste Sri Lankas reihen sich schöne Strände wie Sommersprossen. 1968 eröffnete ein junger Mann namens Sudana Rodrigo das „Barberyn Reef“, 1984 fügte er seinem Resort ein Ayurveda-Health-Center hinzu und wurde so zum Pionier des Ayurveda-Tourismus auf Sri Lanka. Inzwischen ist daraus eine Gruppe von fünf Anlagen geworden, das jüngste und beste Haus ist das Barberyn Waves: eine großzügige Anlage, ein Meer von Grün und alten Bäumen, auf denen zuweilen Affen sitzen. Es gibt 55 Zimmer, die mit 63 bis 81 Quadratmetern richtig groß sind. Es gibt bewusst keine Klimaanlage und keinen Fernseher. Freundliche junge Hotelmitarbeiter machen dafür am frühen Abend das breite Doppelbett mit einem Netz moskitosicher und empfehlen, trotz fünftem Stock nachts und in Abwesenheit die Balkontür zu schließen. Affen machen auch gerne Zimmerbesuche, wenn man sie lässt.
Jede anständige Ayurveda-Kur beginnt mit einem Erstgespräch mit einem Arzt, der herauszufinden versucht, was für ein ayurvedischer Konstitutionstyp man ist, wie es mit der Balance der Doshas bestellt ist und welche Medizin man mehrmals täglich nehmen muss. Im Barberyn Waves folgen alle drei bis vier Tage ärztliche Konsultationen, der Verlauf der Kur wird genau überwacht. In meinem Fall ist es eine Frau, die mich auffordert, beim Erstgespräch meine Zunge zu zeigen. Dr. Kosala, wie alle Ärztinnen im Haus in einen farbenfrohen Sari gekleidet, hat ein fünfjähriges Ayurveda-Fachstudium absolviert und liest sie wie ein Buch. Sie prüft mein Gewicht, meine Körpergröße, meinen Blutdruck und stellt mir allerlei Fragen nach Operationen, Krankheiten, Medikamenten, Ess- und Lebensgewohnheiten.
Dann ist für Dr. Kosala alles klar und mein Kurplan für die nächsten zwei Wochen steht. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich werde ich 6,5 Kilo abnehmen und nur bei einem Programmpunkt passen: Einen öligen Einlauf hat die Natur für mich nicht vorgesehen.

Ayurveda ist anstrengend
Eigentlich beginnt im Barberyn Waves der Kurtag um sechs Uhr morgens mit Sunrise Yoga. Aber das ist optional.
Das Frühstücksbuffet ist vielfältig, aber rein vegetarisch. Es gibt viel Gemüse, Obst, Currys, roten Reis, aber keine Eier, keinen Kaffee, keinen Schwarztee. Kellner servieren geheimnisvolle Kräutertees und Schüsselchen mit undefinierbarem Inhalt.
Der Ernst des Lebens beginnt nach dem Frühstück. Man schlüpft in ein blaues Tuch und eilt zur einstündigen Massage-Session. Während ich auf dem Bauch liege, fließt warmes Öl auf mich und vier Hände kneten meinen Körper kräftig durch. Am Ende folgt eine Kopfmassage im Sitzen. Zur Kräftigung der Augen wird eine ayurvedische Tinktur eingeträufelt, wenn man das will. Bei mir hat die Natur keine Augentropfen vorgesehen.

Nach der Massage geht man sofort in den Inhalationsraum. Unter meiner Liege raucht ein Topf mit allerlei Kräutern. Zwei Wochen lang ist jeder Vormittag die gleiche Pilgerwanderung. Nach der Inhalation trabt man brav zum Herbal Garden. Junge Damen in blau-weißer Schwesterntracht warten mit Kräuterpackungen auf mich und schmieren mich überall mit einer ayurvedischen Paste ein. Der Saal hat zwölf Betten, alles ist tropisch offen und die Vögel zwitschern. Ein Moskitonetz schützt mich vor ungebetenem Besuch.
Jeder Traum hat ein Ende und dieser endet in der Badeabteilung, wo mir eine sehr nette Schwester eine Art Ganzkörperpeeling verschafft und mich dann zum Duschen schickt. Danach lande ich in einem Kräuterbad. Aber: Was wäre ein ayurvedischer Vormittag ohne Akupunktur? Also, ab zu den Nadeln! Am ersten Tag beginnt man mit drei Nadeln, später werden es zehn – vom Kopf bis zum Fuß.
Der Panther sucht vergeblich

Mittagszeit. Das Essen ist fast rein vegetarisch, nur ab und zu kann man sich einen lokalen Fisch zu Gemüte führen. Nachmittags gibt es einen sündhaften Afternoon Tea. Es warten trockene Kekse und Kräutertee, für verruchte Gäste wird auch schwarzer Tee serviert. Zudem sind von morgens bis abends zahlreiche Tinkturen und kleine, in Papier eingewickelte Kräuterpäckchen zu nehmen.
Dazwischen werden mehrmals Ausflüge angeboten, etwa zu einer Zimt- oder Teeplantage oder in ein Museum.
Das Fünf-Uhr-Yoga versäume ich stets, aber meine Doshas kommen auch so ins Gleichgewicht. Meine Glücksgefühle stellen sich morgens ein, wenn ich im Health Center an der großen Buddha-Statue vorbei zur Waage eile. Buddha lächelt und ich habe schon wieder ein Kilo abgenommen.




