Igor Pejic ist ein gefragter Mann. Sein Sachbuch „Blockchain Babel“ ist internationaler Bestseller und mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet. Im Interview mit assets spricht er über sein jüngstes Werk „Tech Money“ und erklärt, warum alte Bewertungskriterien von Aktien im Technologiesektor nicht mehr tauglich sind.

In „Tech Money“ schreiben Sie: Wer als Anleger auf der Seite der großen Gewinner stehen will, muss Technologiezyklen verstehen. Reichen die alten Bewertungsmodelle nicht mehr aus?

Pejic: Das 20. Jahrhundert war geprägt vom Value-Investing und von der Fundamentalanalyse als großem Paradigma. Seit der Dotcomblase performen Technologie-Unternehmen an der Börse aber im Schnitt viermal besser als Nicht-Technologie-Unternehmen.

Fragt sich nur, ob das so bleibt?

Die Finanzkrise 2007 – die größte seit den 1930er-Jahren –, die Covid-Pandemie oder der Überfall auf die Ukraine haben an der Dynamik von Technologieaktien nichts geändert. Als mathematischen Begriff führe ich Technology Alpha ein. Er bezeichnet das Renditeplus von Technologieaktien gegenüber dem Standard-&-Poor’s-500-Marktdurchschnitt. Er zeigt, dass eine Strategie, die primär auf Technologie setzt, der beste Ansatz ist, um den Markt langfristig zu schlagen.

Kann der Iran-Krieg das Technology Alpha zunichtemachen?

Die US-Aktienmärkte haben bis zu unserem heutigen Gespräch Mitte Mai überhaupt nicht gelitten. Trotz Energiekrise und steigender Inflation. Man dachte, Technologiewerte steigen in guten Zeiten schneller als der Markt, sinken bei Krisen aber deutlich tiefer. Das ist jetzt überhaupt nicht der Fall. Meine These ist: Die globale Wirtschaft ist mittlerweile stärker von Technologie als von Energie abhängig. Der Öl- und Gassektor ist seit den Siebzigern und Achtzigern nicht mehr gewachsen. Deshalb ist es wichtiger, wie viel riesige Unternehmen wie Meta in KI investieren, als die Steigerung des Ölpreises.

Dabei wird gerade der KI-Boom von vielen als völlig überzogen gesehen.

Wenn KI crasht, gibt es zehn andere Technologien mit ähnlichem Potenzial. Wir hatten den Boom um Internet, Mobile, Cloudcomputing und Blockchain. Jetzt kommt Robotik – Amazon betreibt jetzt schon eine Million Roboter alleine in den USA! Auch Weltraumtechnologie wird wichtig, nicht nur wegen SpaceX. Und Biotech kehrt mit neuen Möglichkeiten und KI-Power als vielversprechendes Thema für Investoren zurück. KI verleiht allen Bereichen neue Innovationsschübe. Es gab schon einige vielversprechende IPOs in diesem Jahr.

Weniger als 2025, aber mit höherem Emissionsvolumen. Wie vor der Dotcomblase?

Wir haben viel dazugelernt. Spannend finde ich die Untersuchungen der argentinischen Ökonomin Carlotta Pérez. Sie hat die Kondratjew-Zyklen weiterentwickelt: Es gibt technologische Paradigmen, die eine Zeitspanne von ca. 50 bis 60 Jahren dominieren. Etwa Dampfmaschinen, Elektrizität, Erdöl. Seit 1971 sind wir im Informationszeitalter, das der erste Mikrochip von Intel eingeläutet hat. Pérez sagt: Nach jedem Paradigmenwechsel folgt ein neuer Technologie-Hype, der zur Halbzeit der Periode von einem großen Crash unterbrochen wird. Weil die benötigte Infrastruktur für die Technologie mit der hohen Nachfrage nicht mithält. Aber das eigentliche Goldene Zeitalter folgt danach: weil die Infrastruktur ja trotz Kollaps bestehen beibt und die aktuelle Technologie auf diesem starken Fundament neu aufbauen kann. Viele Indikatoren legen nahe: Wir befinden uns genau an diesem Punkt. Mein zweites Argument: Es werden zwar gewaltige Summen investiert – aber von riesigen Unternehmen wie Alphabet, Microsoft oder Amazon. Das sind hochprofitable Unternehmen, die neue, investitionsstarke Bereiche gut vom Kerngeschäft abtrennen und so auch bei Fehlinvestitionen stabil bleiben.

Die Big Tech sind „too big to fail“?

Sozusagen. Es gibt in diesem Bereich keine riesigen Kredite, von denen eine systemische Gefahr ausgeht. Aber etablierte und sehr einträgliche Geschäftsmodelle. Microsoft, Amazon und Alphabet sind sehr robust aufgestellt. Im Gegensatz zu früheren Riesen wie Dell oder IBM haben sie nicht nur einen Geschäftsbereich, sondern diversifizieren mit Parallel Bet Strategy: Sie versuchen, alles abzudecken, was kommen könnte. Teilweise sogar als Hedge – wenn sich eine Entwicklung nicht durchsetzt, verdienen sie am Scheitern mit der Gegenwette.

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Warum spielt Europa dabei keine Rolle? Europa hatte im Gegensatz zu den USA oder heute zu China nie eine Verteidigungsbranche. Aber aus diesem Bereich kamen die wesentlichen Innovationen wie GPS, Robotik, Drohnen und Internet. Die russische Aggression bringt aber auch in Europa Bewegung in Defense-Strategien. Stark aufholen müssen wir noch in der Akzeptanz von Kapitalmärkten. Vor allem in Deutschland und Österreich hält sich die Skepsis gegenüber Börsen. Dieses Geld fehlt Unternehmen für Innovationen.

Wie soll man in Technologie investieren? Mit entsprechenden ETFs?

Ich bin ein großer Fan von ETFs. Aber man lässt viel Potenzial liegen, wenn man auf Einzeltitel verzichtet. Klar muss man Zeit aufwenden und sich die Unternehmen genauer ansehen, es wird auch Aktien geben, die hohe Verluste einfahren. Aber wenn nur ein einziges Unternehmen mit explosivem Wachstum funktioniert, hat sich das Investment in alle Einzeltitel mehr als gelohnt.

Wie findet man Unternehmen oder Technologien mit exponentiellem Wachstum?

Auf Pioniere zu setzen, ist riskant. Man muss den Wachstumszyklus einer Technologie erkennen. Dafür gibt es verschiedene, empirisch belegte Modelle. Ich mag jenes am liebsten, das auf den Marktdurchdringungszyklus abstellt. Es besagt: Wenn eine Technologie etwa 15 bis 20 Prozent des Marktes erobert hat, dann geht es steil nach oben, weil sie den Mainstream erreicht und die Wahrscheinlichkeit, dass sie scheitert, extrem gering wird.

Wobei man in jüngster Zeit mehr mit Infrastruktur für KI viel Geld verdient hätte.

Der Kern einer guten Investmentstrategie ist, in Szenarien zu denken, den Impact, den eine Technologie hat, durchzuspielen. Deshalb haben schlaue Investoren auf Energie gesetzt. Weil nicht, wie oft behauptet, Chips der Engpass für KI-Wachstum sind. Energie ist der Flaschenhals.

Wem das zu kompliziert ist: Gibt es in „Tech Money“ eine einfache Botschaft?

Nehmen wir an, man investiert zu den durchschnittlichen Renditen der letzten 15 Jahre 10.000 Dollar über einen Zeitraum von 30 Jahren. Bei einem Investment in einen ETF, der den S&P 500 widerspiegelt, werden daraus etwa 500.000 Dollar. Spiegelt der ETF nur den Technologiesektor im S&P 500, sind es 2,3 Millionen Dollar. Man braucht für Technologie viel weniger Fachwissen als für den Value-Ansatz, der auf Fundamentalanalysen beruht. Bei Technologie geht es ums Nachdenken. Beispiel Anthropic: Ich muss nicht verstehen, wie deren Technologie funktioniert. Aber ich muss erkennen, dass die User ihre Programme zum Coden verwenden und damit die Softwarebranche unter Druck setzen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!