E mit vollem Schub

Wer noch immer glaubt, dass Elektroautos freudlos dem Spar- und Umwelt­gedanken nachfahren, hat ein paar schöne Abzweigungen verpasst. Hier kommt eine flinke Nachhilfe mit ordentlicher Reichweite.

Bringen wir die unvermeidliche Positionsbestimmung lieber gleich hinter uns, dann ist der Blick frei für das wahre Wesen der Autos, die gleich vorfahren: Ambitionen zur Rettung der Welt dürfen natürlich im Handschuhfach mitfahren, aber sie sind nicht das eigent­­li­che Terrain, auf dem die exklusiven Elektroautos parken. Zwar fahren sie alle lokal emissionsfrei, wie man so sagt, aber der bescheidene Auftritt auf schlankem Fuß zählt nicht zu ihren Kernkompetenzen.

Die teuren Elektroautos aber sind Visitenkarten guten Geschmacks, zukunftsfähigen Denkens, vernetzten Auftritts, und sie gehen wie die Sau. Das liegt in der Natur des Elektomotors, und hier arbeiten pro Auto gerne mehrere davon: Während ein Verbrennungsmotor etwas höher drehen muss, um das maximale Drehmoment ins Getriebe zu wuchten, ist es beim Elektromotor schon beim Losrollen bereit. Wer das Fahrpedal (formerly known as Gaspedal) ans Bodenblech tritt, erlebt eine Detonation, die Welt kippt nach hinten, das Auto pfeilt sich vorwärts in eine Dimension, die vor einigen Jahren nicht einmal Supersport­wagen erreichten. Die Geräusch­kulisse bleibt dabei näher bei der Straßenbahn, es sei denn, ein paar gute Sounddesigner haben vorgesorgt. Ein exklusives Elektroauto darf also Spaß machen, bettet den Hedonismus aber auf flauschige Vernunft. Wer ein Elektroauto aus dem oberen Preissegment wählt, gehört meist zu jenen Glücklichen, die da­heim eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach haben, um ihr Auto am kurzen Instanzenweg zu laden. Oder es wartet vor der Firma eine üppige Ladesäule und der Chef weist einem den zugehörigen Parkplatz zu. Vor allem, weil man selbst der Chef ist.

An dieser Stelle wollen wir uns gleich am Gedanken erfreuen, dass Bentley, bislang eher bekannt für ökologisch irr­witzige Zwölfzylinder-Kunstwerke, in vier Jahren sein erstes Elektroauto präsentieren und ab 2030 rein elektrisch unterwegs sein will. Klingt ungefähr, als wollte die Queen eine Wärmedämmfassade an den Buckingham Palace pappen, und zwar aus Polystyrol statt aus der Wolle schottischer Highland-Schafe. Die technische Basis der künftigen Bentleys wird nämlich von Audi kommen. Klingt einerseits wie ein Buckingham Palace vom Fertighaushersteller, ist andererseits aber elegant erklärbar, da Bentley seit 1. März zu Audis Verantwortungsbereich zählt. Dort reift die gemeinsam mit Porsche entwickelte Premium Platform Electric (PPE).

Und bei Elektroautos ist Audi schon gut in Übung: Der e-tron ist als SUV und als Sportback mit sportlicher Dachlinie zu haben, mit 4,90 Metern Länge in jedem Fall eine stattliche Erscheinung. Niemand wird sich mit 313 PS untermotorisiert fühlen, schon gar nicht im e-tron 55 (408 PS), noch weniger nicht im S mit seinen 503 PS und 973 Nm Drehmoment: 100 km/h sind in 4,5 Sekunden exekutiert, danke.

Sehniger, trainierter und schlanker schwenkt der Audi e-tron GT noch im Mai auf die Straße: Er teilt sich die Basis mit dem Porsche Taycan, ist ebenso ein viertüriger Sportwagen reinsten Wassers, bei fünf Metern Länge gehen sich per­fekte Proportionen aus, und die Ästhetik steht sowieso außer Zweifel: Der e-tron GT festigt seine Hegemonie mit feiner Klinge, darüber hinaus noch mit 476 PS – oder mit 598 PS im RS, man kennt das Kürzel aus der Welt der Verbrennungsmotoren. Wäre der Ampelsprint, umgangssprachlich als Ampelheizerl bekannt, nicht erstens plebejisch und zweitens weitläufig ausgestorben, dann wäre hier das perfekte Gerät dafür: 3,3 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h, die rund 450 Kilometer Reichweite bleiben dann allerdings ebenso traurig zurück wie die langsameren Autos an der Ampel. Der e-tron GT ist ab rund 100.000 Euro zu haben, das schafft Exklusivität.

Der erste elektrische Sportwagen von BMW, der i8, ist bereits unterwegs in ­seine Rolle als künftiger Klassiker, der i4 als elektrisches Gran Coupé steht eindrucksvoll am Horizont: Bis zu 530 PS versprechen allerlei Kurzweil, bei ver­nunft­ge­prägter Fahrweise aber soll eine Batterieladung bis zu 590 Kilometer reichen.

Der iX3 als BMWs erstes E-SUV wird in China erzeugt, ein Futzerl der Wert­schöpfung aber darf Österreich bei­steuern: Das Gehäusemodul für Motor, Getriebe und Leistungselektronik kommt aus Steyr. Der iX3 bereitet das Terrain für den ziffernlosen iX, ein SUV, das vor allem auf Macht setzt. Lang, breit, hoch, und den Nierengrill wünscht man sich nicht im Rückspiegel, der würde nämlich bersten. Versionen mit 300 und 500 PS sind ge­plant, erzeugt wird der iX in Dingolfing, die versprochenen 600 Kilometer Reichweite gehen sich wohl eher bei Rückenwind aus.

Auch bei Mercedes kommt Elektrisches bevorzugt in beliebten, aber auch be­leib­ten Crossover-Karosserien. Wohl­tuenden Kon­trast bietet der schlanke EQS, eine 5,21 Meter lange und damit absolut chauf­feurstaugliche Oberklasse-Limou­sine, mutig mit Cab-Forward-Design, die Fahrgastzelle kollidiert ja nicht mit einem Verbrennungsmotor. Die Karosserie ist glattpoliert für einen rekordverdächtigen cw-­Wert von 0,20, Black-Panel-Design nennt Mercedes das. Neben der Version mit Hinterradantrieb wird auch ein Allradler ins Straßenbild rollen, die Vorderachse bekommt na­türlich ihren eigenen Motor – als 4matic wuchtet der EQS 524 PS und 855 Nm auf die Straße, die heck­getriebene Variante bescheidet sich mit 333 PS und 568 Nm, wobei bescheiden hier vielleicht ein wenig am Kern dieser elektrischen S-Klasse vor­beizielt.

Fast rufschädigend günstig ist der Ford Mustang Mach-E mit seinem Ein­stiegs­preis von weniger als 50.000 Euro, und die gusseisernen Mustang-Fans verzeihen es Ford freilich nicht, den ehrwürdigen Namen jetzt auf einem Crossover zu lesen. Dass der Jaguar I-Pace, Pionier unter den E-SUV, jetzt als Einstiegsversion mit 320 PS zu haben ist, nehmen wir ebenso gerührt zur Kenntnis wie die baldige Existenz des Kia EV6. Motoren und Preise dürfen in unserem Vergleich als handzahm gelten, sein Design hebt den EV6 aber in eine futuristische Liga und neue Höchst­ge­schwindigkeiten markiert er beim Laden: Von zehn auf 80 Prozent in 18 Minuten, Verbren­nungs­motoren las­sen die Tank­stelle auch nicht essenziell schneller hinter sich.

Apropos schnell: Was dabei rauskommt, wenn sich Porsche ein frecher Mit­be­werber in den Weg stellt, zeigt der Taycan. Ohne Tesla wäre Porsche vermutlich nie dem Ehrgeiz verfallen, den ultimativen E-Sportler auf die Straße zu stellen und gerne auch auf die Rennstrecke. Über­raschend an den 761 PS im Turbo S ist vor allem, dass Porsche auch für das stärkste Elektromodell die Bezeichnung aus der Verbrennerwelt mitnimmt, aber so ken­nen sich die Porschefans ohne viel Federlesens aus.

Etwas mehr Verwirrung als die 190.571 Euro für den obersten Taycan stiftet der schon am Horizont geparkte Taycan Cross Turismo. Er ist auf ersten Fotos verdächtig oft mit Radträger an der Hängerkupplung zu sehen, als stilvolle Be­stückung empfehlen wir Porsches E-Mountainbike eBike x+ um 9.911 Euro. Dessen 21 Kilogramm sollten sich gut festhalten, wenn vorne bis zu 625 PS die Massen­trägheit pulverisieren.

Das Pulverisieren des gesamten Auto­markts ist hingegen das Ziel von Tesla, Firmengründer Elon Musk gebiert dazu die eine und die andere Idee, die man als verhaltensoriginell titulieren kann: Autos ins Weltall zu schießen, gehört schließlich nicht zum alltäglichen Vergnügen der Kundschaft. Das Fahren in einer Pio­nierrolle hingegen schon, so ist das Tesla Model S auch nach neun Jahren noch frisch, dreimal (2015, 16 und 17) war es das meistverkaufte Elektroauto der Welt. Das Model X mit seinen ebenso elektrisch wie ächzend öffnenden Flügeltüren gilt als erstes Auto, das auch in einer veganen Version ge­ordert werden darf, der Pickup Cybertruck sieht aus, als wäre er von einem Eierkartondesigner ge­zeich­net, was nicht an seiner Beliebtheit kratzen wird. An seiner Karosserie darf hingegen schon gekratzt werden, die ist nämlich aus un­lackiertem Edelstahl.

Falls Sie jetzt wehmütig an den schlanken, frechen Tesla Roadster denken, mit dem alles begann: Es wird eine Neuauflage geben, vermutlich 2022. Der neue Tesla Roadster wird allerdings kein Roadster sein, sondern ein viersitziger Sportwagen mit demontierbarem Glasdach, bis zu 402 km/h schnell, und an seiner Reichweite von bis zu 1.000 Kilometern wird auch Weltraumtechnologie mitmischen: Das SpaceX-Paket erzeugt Rückstoß aus einem Druckluftbehälter. Schluss jetzt, bevor das Kopfkino Richtung automobiler Flatulenz abbiegt.

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