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Gold – „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“

Mehr als 200 Jahre ist es her, dass Gretchen in Goethes „Faust“ diesen Satz sprach. Ein Satz, der auch heute noch Gültigkeit hat, und das nicht nur, weil die Zentralbanken weltweit in großem Stil ihre Goldreserven aufstocken.  Text: Harald Fercher

Steigende Zinsen sind Gift für die Entwicklung des Goldpreises. Mit einiger Verzögerung – zurückzuführen etwa auf die Turbulenzen rund um die Silicon Valley Bank und die Credit Suisse im März – hat sich das auch im Jahresverlauf 2023 bewahrheitet. Seit seinem Hoch bei etwas mehr als 2.050 Dollar bzw. mehr als 1.860 Euro im Mai dieses Jahres hat der Goldpreis über die Sommermonate wieder etwas an Boden verloren. In Euro gerechnet notiert das glänzendste aller Metalle nun wieder ungefähr auf dem gleichen Niveau wie im Oktober 2022. In Dollar hingegen liegt es noch im Plus – so der Stand Anfang Oktober.

Grund für den Rückgang waren auch die drastischen Zinsschritte der Notenbanken in den vergangenen Monaten. Allen voran jene der EZB, die seit Juli des Vorjahres in einem Stakkato an Zinsanhebungen den lange Zeit bei null verharrenden Leitzinssatz des Euroraums auf stolze 4,50 Prozent angehoben hat. Seit Existieren der Eurozone gab es lediglich ein einziges Mal – im Oktober 2000 mit 4,75 Prozent – einen höheren Zinssatz. Damals war der Euro als Bargeld aber noch gar nicht eingeführt, sondern existierte nur als Buchgeld.

Michael König, Xetra-Gold: „Eine Veranlagung in Gold dient zur Absicherung des Portfolios, nicht zur Erwirtschaftung laufender Erträge.“

Kommt die Rezession, steigt Gold

Zurück in die Gegenwart: Kommt die Rezession, steigt das Gold. Das meinen zumindest die beiden Publizisten Ronald-Peter Stöferle und Mark J. Valek von der Incrementum AG. In ihrer Präsentation anlässlich des „In Gold We Trust“-Reports 2023 gingen die beiden davon aus, dass der Goldpreis – vor dem Hintergrund der wachsenden Rezessionsgefahr – weiter steigen wird. Laut dem Incrementum-Rezessionsphasen-Modell hat sich Gold in Zeiten einer rückläufigen Wirtschaft immer besser entwickelt als andere Assetklassen wie Silber oder der S&P 500.

Noch ist die Rezession allerdings nicht da, zumindest im Euroraum, auch wenn die Europäische Kommission ihre Wachstumserwartung für das Jahr 2023 zuletzt auf nur mehr 0,8 Prozent nach unten revidiert hat. Deutschland, immerhin die größte Wirtschaftsmacht innerhalb der EU, ist hingegen schon in einer Rezessionsphase und wird sich 2023 nicht aus ihr befreien können. Der Internationale Währungsfonds (IWF) korrigierte zuletzt seine Prognose auf minus 0,5 Prozent. Übrigens: Für Österreich sieht der IWF 2023 noch ein minimales Wachstum von 0,1 Prozent, weit skeptischer sind da die beiden österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitute WIFO und IHS. Sie gehen für heuer von minus 0,8 bzw. minus 0,4 Prozent aus.

Vor diesem Hintergrund haben wir zwei ausgewiesene Goldmarktexperten um ihre aktuelle Lageeinschätzung gebeten. Konkret haben wir gefragt, ob es angesichts der Rezessionsgefahr bald zu einem Stillstand bei den Zinssteigerungen bzw. gar zu einer Zinswende kommen könnte und welche Auswirkungen dies aus ihrer Sicht auf den Goldpreis hätte. Reinhard Walz, Head of Sales & Marketing bei Ögussa, erklärt: „Die immer noch sehr hohe Inflation spiegelt sich in der Zinspolitik wider. Die zukünftige Entwicklung zwischen Inflations- und Zinsrisiken ist unsicher und die Konjunktursorgen sind groß. Derzeit spricht wohl einiges dafür, dass eine Zinswende erst mit einer Rezession einhergeht. Gold gilt nach wie vor als Krisenwährung und man kann davon ausgehen, dass die Nachfrage nach Ögussa-Feingoldbarren in unsicheren Zeiten wieder steigen wird.“ Michael König, einer der beiden Geschäftsführer bei Xetra-Gold, verweist hingegen darauf, dass die Phase steigender Zinsen noch recht kurz ist: „Nun ist die Zinswende gerade mal ein gutes Jahr alt, wogegen die Null- und Negativzinsen mehr als ein Jahrzehnt geprägt haben. Betrachtet man die Umstände, unter denen sie zustande gekommen sind, müsste man sich ein rasches Ende der Zinserhöhungen wünschen. Es gibt aber auch Argumente dagegen: Die Arbeitsmarktdaten aus den USA waren zum Beispiel zuletzt sehr positiv. Das bedeutet mehr Kaufkraft und damit auch wieder mehr Inflation, wogegen die Notenbank gegebenenfalls wieder einschreiten wird. In Europa ist die Situation etwas anders, wobei es hier auch gravierende nationale Unterschiede gibt. Die Entwicklung des Goldpreises hängt natürlich eng mit dem Zinsumfeld zusammen, ist aber nicht sein einziger Treiber. Eine Anlage in Gold dient der Absicherung des Portfolios, nicht der Erwirtschaftung laufender Erträge. Von daher gibt es auch im aktuellen Zinsumfeld Gründe, in Gold zu investieren. Mutmaßlich ist der Einstiegspreis gerade auch recht günstig.“

Einer der Gründe, die Investoren immer wieder nach Gold greifen lassen, sind geopolitische Risiken. Wie schnell es dann gehen kann, zeigen die Ereignisse in Israel, die den Goldpreis in die Höhe getrieben haben. Bereits fünf Tage nach Ausbruch des Krieges kletterte der Goldpreis wieder nahe an den Stand vom Mai. Vor diesem Hintergrund ist das richtige Timing beim Kauf von Gold nahezu unmöglich. Besser ist es, sich Gold sukzessive ins Depot zu legen, wie fast alle Experten meinen.

Dennoch wollten wir von unseren Experten wissen, ob man den über den Sommer doch etwas zurückgegangenen Goldpreis zum Einstieg nutzen sollte? Michael König meint: „Wer noch nicht fünf bis zehn Prozent Gold im Portfolio hat und kein kurzfristiges Anlageziel verfolgt, für den lohnt sich der Einstieg zu jedem Zeitpunkt. Aktuell liegen wir sicherlich nicht auf dem höchsten denkbaren Einstiegsniveau. Was die kommenden Monate bringen, bleibt jedoch abzuwarten. Gegen ein erstes Investment mit der Möglichkeit, in absehbarer Zeit noch einmal nachzukaufen, spricht aus unserer Sicht aber nichts.“ Reinhard Walz gibt sich vorsichtig: „Ich kann keine generelle Empfehlung geben, da jeder Anleger seine individuellen Ziele verfolgt. Für viele unserer Kunden steht die langfristige Absicherung ihres Vermögens im Fokus. Im Gegensatz zu jener der Zentralbanken war die Nachfrage nach Gold bei den Anlegern im Laufe des Jahres eher verhalten, aber auch hierfür gibt es unterschiedlichste Beweggründe. Derzeit können wir wieder eine erhöhte Nachfrage nach Ögussa-Feingoldbarren erkennen, der aktuelle Preis und die angespannte Lage treiben schon jetzt viele Anleger wieder zum Gold.“

Quelle: World Gold Council, Incrementum AG

Notenbanken kaufen wie selten zuvor

Apropos Notenbanken: Die von Reinhard Walz erwähnten Zentralbanken haben zuletzt weltweit Gold in Rekordhöhe zugekauft (siehe Grafik oben). Noch nie seit 1950 wurde von ihnen so viel Gold erworben wie im Jahr 2022. Für Michael König sind diese Zukäufe zuallererst einmal „ein weiterer Beleg dafür, dass Gold als Stabilisator nichts von seiner Bedeutung verloren hat, im Gegenteil“. Aus seiner Sicht sind die Zukäufe „ein positives psychologisches Signal für den Markt“.

Reinhard Walz ergänzt: „Der mit Abstand größte Player am Markt im ersten Halbjahr 2023 war die chinesische Zentralbank, aber auch Polen hat beachtliche Mengen zugekauft. Anhand dieser Länder kann man meiner Meinung nach sehr gut erkennen, dass es unterschiedlichste Zugänge für den Goldkauf gibt. Während China unter anderem unabhängiger vom US-Dollar werden möchte, wird sich Polen wohl eher auf die geopolitische Lage in Europa und seine Wirtschaftskraft fokussieren. Laut Financial Times stünden hinter den Käufen der Zentralbanken nicht nur volkswirtschaftliche Überlegungen, sondern auch geopolitische Strategien, um den Dollar zu schwächen.“

Kursziel 4.800 Dollar Warum auch immer man zu Gold greift, eines ist jedenfalls fix: „Gold ist nicht beliebig vermehrbar, sondern ein begrenztes Gut“, wie Reinhard Walz feststellt. Das allein spricht – in einer Welt, in der sich Anlagemöglichkeiten anscheinend beliebig vermehren lassen – dafür, dass Gold weiterhin glänzen wird. Ob Stöferle und Valek, die beiden „Goldjungs“, wie sie von manchen bezeichnet werden, mit ihrem langfristigen Kursziel von 4.800 US-Dollar recht behalten, wird sich erst 2030 zeigen. Denn auf dieses Jahr haben sie ihr Kursziel festgelegt.