Kreislaufwirtschaft – Ein strategischer Imperativ für Europa

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Wenn wir unseren Ressourcenverbrauch nicht schleunigst ändern, brauchen wir bis 2050 drei Erden, um unseren Bedarf zu decken. Die Förderung und Veredelung natürlicher Ressourcen verursachen 50 Prozent des globalen Treibhausgasaufkommens und 90 Prozent des globalen Biodiversitätsverlusts. Schon 2026 könnte die weltweite Erwärmung die 1,5-Grad-Schwelle überschreiten, warnte die UN-Weltwetterorganisation kürzlich. Dürre und Hitze bedrohen perspektivisch die Lebensgrundlage von Abermillionen Menschen.  Text: Nils Langhans

Um die ambitionierten und zugleich alternativlosen Klimaziele der EU zu erreichen, müssen wir in Europa nicht nur schnellstmöglich unsere Emissionen reduzieren, sondern wir müssen letztlich auch unsere Art zu wirtschaften von der Wurzel neu denken. Wir müssen überkommene Konsum- und Produktionsmuster, die auf einmalige Nutzung und Wegschmeißen ausgerichtet sind, im Angesicht endlicher Ressourcen hinter uns lassen. Wir brauchen eine CO2-neutrale Kreislaufwirtschaft, die Produkte und Rohstoffe lange und mehrfach verwendet, die Abfall vermeidet und unvermeidbaren Abfall als Ressource begreift. Wenn wir die menschgemachte Klimakrise bewältigen wollen, müssen wir Wohlstand und Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln. Doch wie kann das gelingen?

Für praktisch alle Industrien gilt, dass der Einsatz von Recyclingrohstoffen die CO2-Emissionen und den Energieverbrauch massiv reduzieren könnte. Bei einem Einsatz etwa von Aluminium-Rezyklaten werden im Vergleich zur Verwendung von Primärrohstoffen bis zu 95 Prozent der Treibhausgasemissionen eingespart. Für ­viele andere Rohstoffe gilt Ähnliches. In ihrem Circular Economy Action Plan hat die EU-Kommission im vergangenen Jahr ihre Strategie für eine europäische Kreislaufwirtschaft skizziert, Schlüsselindustrien für deren Erreichung ausgemacht und mit einer Anpassung der sogenannten Ökodesign-Richtlinie erste regulato­rische Weichen gestellt.

In der Textilproduktion etwa, in der aktuell weniger als ein Prozent der Kleidung recycelt wird, sollen bis 2030 alle in der EU auf den Markt gebrachten Kleidungsstücke langlebig und recycelbar sein und so weit wie möglich aus recycelten Fasern bestehen. Verpackungsmaterialien jeglicher Art sollen bis 2030 wiederverwendbar oder recycelbar sein. Und bei Elektronikprodukten kündigt die Kommission strikte Regeln für Reparierbarkeit und Wiederverwertbarkeit an.

Doch die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft ist nicht nur ein Gebot des Klima- und Umweltschutzes, sondern im Angesicht multipler geopolitischer Krisen auch ein strategischer Imperativ für Europa. Der barbarische Krieg Russlands gegen die Ukraine unterstreicht, was bereits in der Coronapandemie deutlich sichtbar wurde: Global verzweigte Wertschöpfungsketten sind im Krisenfall unzuverlässige Wertschöpfungsketten. Europa hat sich bei der Energieversorgung, aber auch beim Zugang zu vielen Rohstoffen in den letzten Dekaden in zweifelhafte strategische Abhängigkeiten begeben, aus denen es sich schnellstmöglich befreien muss. Die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen wird in den kommenden Jahren weiter steigen und den Preis für natürliche Rohstoffe in die Höhe treiben. Bei Kupfer, Kobalt, Lithium, Nickel und sogenannten seltenen Erden könne es laut einer Studie deshalb ab 2030
globale Versorgungsengpässe geben. Die Verfügbarkeit von Rohstoffen wird mithin zu einem der größten Geschäftsrisiken für
viele Industrien.

Die Hinwendung zu einer CO2-neutralen Kreislaufwirtschaft kann der EU hier auf Sicht einen Ausweg bieten, weil sie sowohl die Abhängigkeit vom Import fossiler Energieträger als auch generell vom Import von Rohstoffen reduziert. So wundert es nicht, dass vielerorts in Europa neben den gigantischen Batteriefabriken stets auch Wiederaufbereitungsanlagen entstehen, die für die Rückgewinnung der teuren und in Europa raren Batterierohstoffe sorgen sollen. Je unabhängiger sich die europäische Wirtschaft auf Sicht vom Import immer teurerer Rohstoffe macht, desto erfolgreicher wird sie sich im globalen Wettbewerb behaupten. Mehr noch: Einer Studie zufolge könnte die Kreislaufwirtschaft allein in Europa bis 2030 ein Marktvolumen von 800 Milliarden Euro erreichen. Wenn es Europa tatsächlich gelingt, hier zum globalen Vorreiter zu werden und proprietäres Wissen bei regenerativen Produktionsverfahren und -technologien aufzubauen und zirkuläre klimafreundliche Produktlösungen zu entwickeln, dann werden diese Lösungen im Angesicht der sich weiter verschärfenden Klimakrise auf Sicht ­Abnehmer auf der ganzen Welt finden und könnten als Exportschlager Made in Europe die Basis für den Wohlstand von übermorgen legen.

 
Der Autor
Nils Langhans ist Gründer und
Geschäftsführer von KAUFMANN /
LANGHANS. Als Strategieberatung für das digitale Zeitalter berät KAUFMANN / LANGHANS Konzerne, mittelständische Unternehmen und Start-ups..
 
Kontakt:
[email protected], www.kaufmannlanghans.de

Kreislaufwirtschaft beginnt beim Produktdesign

Könnten. Denn gegenwärtig ist der Traum vom ressourcen­schonenden Wirtschaften noch weit entfernt. Laut Circularity Gap Report werden jährlich mehr als 100 Milliarden Tonnen Rohstoffe wie Öl, Gas und Metalle aus der Erde gefördert, doch nur 8,6 Prozent davon werden wiederverwendet. Damit die Kreislaufwirtschaft Fahrt aufnimmt, braucht es dringend Normen und Standards für gebrauchte und wiederaufbereitete Rohstoffe und Produkte sowie deren Bereitstellungsprozesse.

Es braucht Standards für digitale Produkt- und Materialpässe, Vorgaben zu Rezyklatanteilen, eine Anpassung betriebswirtschaft­licher Messgrößen und Incentivierungssysteme und nicht zuletzt ein radikal verändertes Produktdesign.

Denn damit Produkte tatsächlich recycelbar sind, muss ihre Wiederverwertung bereits bei der Produktkonzeption mitgedacht werden, da von der Auswahl und Kombination der verwendeten Materialien letztlich abhängt, ob und in welchem Maße ein Produkt und die darin verwendeten Rohstoffe später wiederverwendet werden können.

Doch Unternehmen müssen sich nicht nur beim Produktdesign umstellen. Die Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft wird in vielen Industrien auch zu einer Transformation des Geschäftsmodells führen, bei der die Einmal-Transaktion physischer Produkte zunehmend durch sogenannte As-a-Service-Geschäftsmodelle ersetzt wird.

Der Grund dafür ist simpel: As-a-Service-Geschäftsmodelle zeichnen sich durch eine deutlich stärkere vertikale Integration aus und incentivieren den zum Betreiber werdenden Hersteller, seine Produkte möglichst langlebig und recyclingfähig zu gestalten, wie das Beispiel des Leuchtmittelherstellers Philips zeigt. Das Unter­nehmen bietet seinen Geschäftskunden seit einiger Zeit nicht mehr nur Lampen zum Verkauf an, sondern Beleuchtung as a Service im Rundum-sorglos-Paket.

Da das Angebot neben der Produktion und Bereitstellung der Beleuchtung auch deren Instandhaltung beinhaltet, hat Philips ein
ureigenes Interesse, die Leuchten so energieeffizient, langlebig und recycelbar wie möglich zu gestalten. Erfolgreiche Beispiele für nachhaltige Geschäftsmodelle dieser Art gibt es immer mehr – als wichtiger Treiber für die Transformation zur Kreislaufwirtschaft wächst der Markt für industrielle As-a-Service-Geschäftsmodelle jährlich um satte 35 Prozent und wird 2025 Schätzungen zufolge rund 110 Milliarden Euro groß sein.

Ein strategischer Imperativ für Europa – eine Chance für mutige Unternehmen

Klar ist: Die Transformation zu einer CO2-neutralen Kreislaufwirtschaft ist für Europa ein strategischer Imperativ, um der Klima­krise zu begegnen und sich schnellstmöglich aus fatalen Rohstoffab­hängigkeiten zu befreien. Zugleich bedeutet die anstehende Transformation für die hiesige Wirtschaft aber auch eine riesige Chance auf neue Wettbewerbsfähigkeit, bei der auf Sicht all jene Unternehmen belohnt werden, die frühzeitig und mutig die Weichen für nachhaltiges Produktdesign, Rezyklateinsatz, Wiederverwertbarkeit und zirkuläre Geschäftsmodelle stellen.   ←

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