Fed: Weitsicht oder Verblendung?*

assets Magazin: Olivier de Berranger, LFDE
Olivier de Berranger, LFDE

Wie schon im März, April und Mai 2021 zog die US-Inflation im Juni erneut an und übertraf die Konsenserwartungen. Mit 4,5 % im Jahresvergleich erreichte die Kerninflation, also die Inflation ohne Lebensmittel und Energie, ihren höchsten Stand seit 1991. Noch bemerkenswerter ist jedoch, dass sie im Monatsvergleich um 0,9 % zulegte – der zweitstärkste Anstieg seit Anfang der 1980er Jahre, unmittelbar nach dem Rekord vom April diesen Jahres. Mit einem Plus von 2,2 % im Juni erlebten die Konsumgüterpreise einen historischen Höhenflug. Trotz dieser Zahlen zeigte sich Jerome Powell bei seiner Anhörung vor dem US-Kongress jedoch äußerst zuversichtlich.

Die Preissteigerung ist dem Fed-Chef zufolge vorübergehender Natur und die langfristigen Zinsen bleiben unter ihren Spitzenwerten vom ersten Quartal. Erweisen sich Zinsmärkte und Zentralbanken angesichts einer vorübergehend höheren Preissteigerungsrate also als scharfsinnig, oder werden die Hinweise auf einen zunehmenden Inflationsdruck ignoriert?

Trendwende bei Preissteigerungen in Sicht?

Kurzfristig lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Zahlen für die These eines vorübergehenden Phänomens sprechen. Denn nachdem das Gebrauchtwagensegment im April und Mai 37 % des Anstiegs der Kerninflation ausmachte, hatte es im Juni einen Anteil von 47,5 % an der Teuerungsrate. Doch die Gründe für diesen Boom sind bekannt – die Halbleiterknappheit zieht einen deutlichen Rückgang der Neuwagenproduktion nach sich. Sie sind also zweifellos auf ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage im Zusammenhang mit der Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit zurückzuführen. Zudem deuten die Frühindikatoren wie der Manheim-Index für Gebrauchtwagenpreise auf den Beginn einer Trendwende hin, die vermuten lässt, dass ein Höhepunkt kurz bevorsteht. Eine ähnliche Analyse könnten wir für weitere Segmente durchführen, die im Juni besonders stark zur Preissteigerung beigetragen haben, wie etwa Flugtickets.

Argumente für strukturell höhere Inflation

Allerdings könnten andere Elemente an die Stelle dieser vorübergehenden Phänomene treten und eine strukturell höhere Inflation begünstigen. Dem Wohnungsmarkt kommt in dieser Hinsicht weiterhin eine entscheidende Rolle zu. Der starke Preisanstieg von Immobiliengeschäften, den die FHFA (Federal Housing Finance Agency) und die Hypothekenagentur Freddie Mac bescheinigen, ist in der Wohnungskomponente der amtlichen Inflationsberechnungen noch nicht berücksichtigt. Hier spielt insbesondere der Mietpreisstopp eine Rolle, der zum 31. Juli auslaufen soll. Diese Auswirkungen könnten in den kommenden Monaten bedeutend sein – umso mehr, als der Wohnungsmarkt fast 40 % der Kerninflation ausmacht.

Ein zweiter beachtenswerter Punkt sind die Löhne. Die jüngsten von der Fed von Atlanta veröffentlichten Zahlen, die Jerome Powell sehr genau unter die Lupe genommen hat, zeigen einen deutlichen Anstieg der Niedriglöhne. Die Rekordzahl offener Stellen und das starke Vertrauen der Privathaushalte in das umfangreiche Stellenangebot deuten zudem auf eine Situation hin, in der sich die Verhandlungsmacht, insbesondere in Bezug auf Einstiegsgehälter, zugunsten der Arbeitnehmer verschiebt – auch wenn sich dieser Effekt nach dem bevorstehenden Ende der Arbeitslosenunterstützung abschwächen könnte. Zu beachten ist auch die Ankündigung massiver Lohnerhöhungen in bestimmten großen US-Unternehmen. Vergangenen Donnerstag kündigte der Riese in der Vermögensverwaltung BlackRock eine Anhebung der Löhne all seiner Mitarbeitenden um 8 % an.

Der letzte zu beachtende Punkt ist der nach wie vor hohe Druck in Bereichen, die dem Fertigungszyklus vorgelagert sind. Dies betrifft beispielsweise die Produktions- und Frachtkosten in der Seeschifffahrt, die einen Anstieg der Verbraucherpreise in weiteren Segmenten anheizen könnten.

Korrektur wäre heilsame Verschnaufpause

Angesichts dieser letztgenannten Aspekte erscheint es nicht sinnvoll, die Möglichkeit auszuschließen, dass eine Lohn-Preis-Spirale einsetzt, die die Inflation in den USA dauerhaft auf einem höheren Niveau verankert. Das wäre an sich nichts Negatives, da es Ausdruck einer stärkeren Robustheit der amerikanischen Wirtschaft wäre, in Verbindung mit einem Inflationsniveau, das eine schnellere Verringerung der Schuldenlast ermöglichen könnte. Allerdings würde dies zwangsläufig restriktivere geldpolitische Maßnahmen nach sich ziehen als von den Märkten erwartet, die sich in dieser Hinsicht sehr selbstgefällig zeigen. Angesichts der derzeitigen Bewertungsniveaus wäre ein Bremsmanöver bei Risikoanlagen durchaus wahrscheinlich. Nichtsdestotrotz wäre eine Korrektur wohl eine heilsame Verschnaufpause, sofern das wirtschaftliche Umfeld für die Unternehmenstätigkeit jedoch sehr günstig bleibt. Die mittel- bis langfristigen Aussichten für die Aktienmärkte würden dadurch kaum infrage gestellt.

* Marktkommentar von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE, einer der bedeutendsten und dynamischsten Fondsgesellschaften Frankreichs. Der Kommentar gibt die Meinung des Autors wider, die von den Einschätzungen und Meinungen des assets-Teams abweichen kann und keinesfalls als Anlageberatung gelten darf.

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