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Essay – Wächst das Gras schneller, wenn man dran zieht? Über die zähe Dekarbonisierung der Weltwirtschaft

Konsumverzicht versus Innovation: 93 Prozent der Europäer sind laut einer Studie der EU-Kommission überzeugt, dass der Klimawandel ein ernstes Problem für die Welt ist. Aber wie hält man ihn auf?  Text: Nils Langhans

Wie dekarbonisiert man die Weltwirtschaft? Über kaum eine Frage wurde in den letzten Jahren so nachdrücklich gerungen. Immerhin herrscht in Europa – anders als in den USA – weitgehende Einigkeit, dass der Klimawandel real ist und an der Dekarbonisierung kein Weg vorbeiführt. So sind 93 Prozent der Europäer laut einer Studie der EU-Kommission überzeugt, dass der Klimawandel ein ernstes Problem für die Welt ist. Über das Wie wird jedoch umso heftiger gestritten, auch hierzulande. Während die Aktivisten von Fridays for Future und der Letzten Generation weitgehende Einschränkungen von Lebens- und Konsumgewohnheiten für unabwendbar halten und mit Degrowth und somit der Abkehr von einer auf Wohlstandswachstum geeichten Wirtschaftspolitik kokettieren, fabuliert ein wirtschaftsliberales Lager gerne pauschal von Innovationen und Technologieoffenheit, führt hier und da ein Bonmot zu Fortschritten in der Grundlagenforschung zur Kernfusion an und zeigt sich überhaupt sehr, sehr überzeugt, dass sich das Problem schon lösen ließe, irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Weder Wundertechnologien noch Degrowth sind die Lösung

Allein, die Zeit läuft der Weltgemeinschaft davon. Das plumpe Schüren von Hoffnung auf Wundertechnologien ist politisch maximal unseriös, denn bevor irgendwann in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts der erste Fusionsreaktor tatsächlich serienreif Energie erzeugt, müssen wir die Dekarbonisierung längst geschafft haben – andernfalls wird nicht mehr viel von der Welt übrig sein, die wir heute kennen. Das zeigen die Berichte des Weltklimarats und zahllose Studien. In der Analyse der Dringlichkeit haben die Klimaaktivisten also einen Punkt. Es ist ernst, es muss etwas geschehen, rasch. Das Problem: Für einen so epochalen Wandel braucht es die breite Unterstützung der Gesellschaft – und diese Unterstützung wird es nur dann geben, wenn der Wandel auf Sicht mehr Gewinner als Verlierer produziert. So enorm wichtig der Klimaaktivismus in den vergangenen Jahren beim Agenda Setting für die Klimakrise war, so begrenzt scheint sein Impact bei der eigentlichen Problemlösung zu sein. Denn Blockade und klimakonformes Gesundschrumpfen, bei dem am Ende fast alle weniger in der Tasche haben, finden keine Mehrheiten, wie aktuelle Zahlen zeigen: Den Aktivismus der Letzten Generation lehnen in Deutschland 85 Prozent der Bevölkerung ab. Klar ist: Ein Widerstand, dem in immer größerer Mehrheit Widerstand aus allen Milieus begegnet, sollte seine Mittel und Ziele zumindest hinterfragen, wenn er tatsächlich gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen will.

Kein Innovationsproblem, sondern ein Skalierungsproblem

Doch nicht nur die Klimaaktivisten haben mit Verweis auf die Dringlichkeit einen Punkt, auch das wirtschaftsliberale Lager hat mit dem Verweis auf Technologie als Enabler einen Punkt. Die schlechte Nachricht: Es wird wohl keine Wundertechnologien geben. Die gute Nachricht: Eigentlich ist technologisch bereits alles da, was es braucht, um die Weltwirtschaft in den nächsten drei Jahrzehnten erfolgreich zu dekarbonisieren. Das Problem, das wir lösen müssen, ist somit kein Innovationsproblem, sondern ein Skalierungsproblem. Im Bereich der Energieerzeugung gelingt diese Skalierung bereits – laut International Renewable Energy Agency haben erneuerbare Energien 2022 weltweit trotz Energiekrise mit knapp zehn Prozent Kapazitätszuwachs ein Rekordwachstum hingelegt. Schon heute machen Sonne, Wind und Wasser rund 30 Prozent der weltweiten Stromversorgung aus – in Deutschland sollen bis 2030 schon 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. Auch im Bereich der E-Mobilität ist die globale Skalierung allen Unkenrufe zum Trotz binnen weniger Jahre gelungen – 2022 wurden weltweit zwölf Millionen E-Fahrzeuge verkauft, was einem Wachstum von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Schon heute ist jeder sechste verkaufte Pkw elektrisch. Tendenz: rasch steigend.

Die technologischen Lösungen sind längst da

Anders sieht es bei der industriellen Produktion und vor allem in der Schwerindustrie aus, die eine Hauptverursacherin von Emissionen ist – hier sind die greifbaren Fortschritte der letzten Jahre übersichtlich, doch die technologischen Lösungen liegen ebenfalls auf der Hand: Elektrifizierung der Produktionsprozesse, Umstellung auf grünen Wasserstoff, Implementierung von Carbon-Capture-Use-and-Storage-Technologien sowie Kreislaufwirtschaft und Recycling. Ähnlich verhält es sich bei Wohn- und Geschäftsgebäuden, die ebenfalls für einen bedeutenden Anteil der CO₂-Emissionen, insbesondere durch Heizung und Kühlung, verantwortlich sind. Auch hier sind die Lösungen sonnenklar: mehr Energieeffizienz durch bessere Isolierung und energieeffiziente Geräte sowie ein konsequenter Übergang zu erneuerbaren Energiequellen für die Beheizung und Kühlung, etwa durch Wärmepumpen. Letzteres erhitzt dieser Tage besonders in Deutschland die Gemüter, nicht zuletzt, da es vonseiten der Politik ohne Not einigermaßen dilettantisch kommuniziert wurde – ein gefundenes Fressen für all jene Akteure, die häufig aus eigenem Interesse den Wandel zur dekarbonisierten Wirtschaft bremsen oder verzögern wollen.

Die Politik gibt den Rahmen vor, das Kapital folgt

Doch im Großen und Ganzen macht die Politik mit Blick auf die Skalierung grüner Technologien das, was Politik machen soll. Egal, ob mit dem Green Deal der EU, dem Inflation Reduction Act der Biden-Regierung oder dem Klimaschutzgesetz der Ampel in Berlin – die Politik steckt den regulatorischen Rahmen ab, schafft einen verlässlichen Rechtsrahmen und beschleunigt den Wandel durch Standards und Anreize. Anreize, die dafür sorgen, dass private Investitionen nicht in umweltschädliche, sondern in nachhaltige Industrien allokiert werden und somit die nötigen Mittel für den Hochlauf und die Skalierung grüner Technologien bereitstehen. Und genau dieser Mechanismus funktioniert – trotz Inflation und hohem Zinsniveau. Laut einer globalen Umfrage des Schweizer Bankhauses Vontobel planen rund drei Viertel (71 Prozent) der weltweit tätigen institutionellen und professionellen Investoren, in den nächsten drei Jahren verstärkt ESG- und Impact-Investitionen zu tätigen. Laut einer Studie von PwC wachsen die ESG-Investitionen Jahr für Jahr um rund 13 Prozent und schon 2026 werden mehr als 20 Prozent des weltweit verwalteten Vermögens in ESG-Investments angelegt sein. Kein Wunder, dass eine Firma wie Tesla, die die Zeichen der Zeit früh erkannt hat, heute mehr wert ist als die gesamte deutsche Autoindustrie, die sich zu lange an alte Technologien geklammert hat.

Die Weltwirtschaft wird grün – aber die Skalierung dauert Mit etwas Fatalismus könnte man also sagen: Politik und Kapital haben die Richtung vorgegeben, die Segel sind gesetzt, den Rest werden Unternehmer, Ingenieure und eine auch dank Klimaaktivismus sensibilisierte Zivilgesellschaft im Verbund besorgen. Die Weltwirtschaft wird grün, und das wohl weitgehend binnen der nächsten drei Jahrzehnte. Dies wird nicht alle Härten des Klimawandels abfedern, aber, diese Hoffnung darf man haben, die schlimmsten Dystopien Dystopien bleiben lassen. Deutlich schneller als drei Jahrzehnte wird es allerdings auch nicht gehen – da helfen auch Festkleben und Protest wenig. Denn Wandel und Skalierung brauchen Zeit, brauchen Ressourcen, brauchen neben dem Aktivieren vor allem auch das Mitnehmen der breiten Masse. Das Gras, sagt man, wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, doch ist es einmal gedüngt und bewässert, wächst es meist ganz von allein.