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Comgest – „Wir glauben selbst daran“

Dieter Wimmer, Leiter Sales Austria bei der Fondsverwaltungsgesellschaft Comgest, spricht im Interview über die Ängste der Anleger, die Auswahl geeigneter Unternehmen und darüber, welche Rolle heute das Bauchgefühl spielt.  Text:  Robert Prazak

Harte Zeiten für Aktionäre: Die Börsen sind auf Talfahrt, die Wirtschaftsprognosen unerfreulich. Dieter Wimmer, der für die Fonds-Boutique Comgest den Bereich Sales in Österreich leitet, bleibt dennoch zuversichtlich. Im Interview erklärt er die Gründe dafür.

assets: Wie groß ist derzeit die Verunsicherung bei Anlegern angesichts brennender Themen wie Inflation, Energiekrise und Ukraine-Krieg?

Dieter Wimmer: Comgest verwaltet ausschließlich Aktienfonds, daher kann ich auch nur über Aktien sprechen. Fest steht aber, dass sich sogar Gold zuletzt nicht gut entwickelt hat. Wir stellen jedenfalls zwei unterschiedliche Entwicklungen fest: Auf der einen Seite gibt es die klassischen Privatkunden – diese halten an ihren Portfolios fest und bleiben gelassen. Unsere Fonds haben in den vergangenen Jahren hervorragende Ergebnisse geliefert, die Kunden sind nach wie vor im Plus. Auf der anderen Seite sehen wir, dass große Institutionen wie Versicherungen und Pensionsfonds ihre Portfolios jetzt anpassen. Das geschieht nicht wegen einer schlechten Performance, aber diese Firmen müssen sich jetzt neu aufstellen und die Aktienquoten ändern.

Würden Sie Anlegern nun generell raten, ruhig zu bleiben und nichts zu überstürzen?

Wimmer: Absolut. Das ist ein weiterer wichtiger Aspekt: Wir legen in Unternehmen an, die ein gutes Gewinnwachstum haben. Und nach dem Ende der zweiten Berichtssaison haben wir feststellen können, dass die meisten dieser Unternehmen gut gearbeitet haben. Viele verdienen nach wie vor, oder sie erzeugen Produkte, die am Markt gebraucht werden.

Gewinnwachstum ist also ein wichtiger Aspekt bei der Auswahl der Unternehmen für Ihre Fonds?

Wimmer: Wir haben drei Säulen, die wir beachten: erstens Innovation, die dem Markt hilft. Zweitens Produkte, die die Menschen brauchen, etwa im Gesundheitsbereich. Und drittens Produkte, die eine hohe Preissetzungsmacht haben, weil sie etwas Außergewöhnliches sind – etwa Luxusartikel. Rolex-Uhren beispielsweise kann man nicht überall kaufen. Unsere Fonds umfassen 30 bis 35 Unternehmen, aber wir legen nicht in Unternehmen an, deren Geschäft sehr zyklisch ist, und auch nicht in Rohstoffe und in Banken. Das kommt bei den Kunden sehr gut an. Wir müssen auch bedenken, dass trotz der Krisen vieles schon eingepreist wurde, daher reagiert die Börse derzeit auf positive Signale recht gut. Auch die Anleger haben sich schon darauf eingestellt, es gibt wieder Licht am Ende des Tunnels.

Wie schwierig ist es, die Unternehmen anhand solcher Kriterien genau zu beurteilen?

Wimmer: Es gibt die Mikro- und die Makrosicht. Wir sehen uns die einzelnen Unternehmen aus der Mikrosicht an. Nehmen wir als Beispiel den Markt für E-Bikes, auf dem es unterschiedliche Hersteller und Zulieferer gibt. Wenn wir diesen Markt unter die Lupe nehmen, kommt man drauf, dass die Umstellung auf Elektroräder unaufhaltsam ist und dafür unter anderem Elektromotoren, Gangschaltungen und Bremsen benötigt werden. Die Bücher dieser Hersteller sind auf Jahre hinaus voll. Die E-Bikes sind zwar teuer, aber sie werden weiterhin zu solchen Preisen gekauft. Es geht darum, zu erkennen, was die Menschen wollen und brauchen. Ein weiteres Beispiel ist die Technologie: Software von Microsoft ist in jedem Computer. Der Computer an sich ist ein dummes Ding, man braucht die Software. Wenn Microsoft dann sagt, die nächste Lizenz kostet 107 Euro statt 100 Euro, dann werden es alle zahlen. Diese Firma hat demnach eine starke Preissetzungsmacht.

Und was bedeutet die Makrosicht?

Wimmer: Makroanalysen dienen dazu, eine Ausrichtung der Zinsen, Schulden, Länderrisiken von bestimmten Regionen oder Branche zu beobachten. Dem wird bei Comgest ein nicht so hoher Stellenwert eingeräumt, wir schauen auf die einzelnen Unternehmen, das nennt man klassisch „Stock-Picking“.

„Wir lieben Firmen, die eine Idee haben, was sie mit dem Geld machen.“
– Dieter Wimmer –
Leiter Sales Austria Comgest

Stichwort Schulden: Machen Sie die steigenden Zinsen nervös?

Wimmer: Steigende Zinsen wird es in Europa nur bedingt geben. Weil der Punkt, ab dem es weh tut, bald erreicht ist. Das hängt vor allem mit den südlichen EU-Ländern zusammen: Diese würden von dem erwirtschafteten Bruttosozialprodukt zu viel in die Schuldentilgung stecken müssen, das wiederum würde die Wirtschaft abwürgen. Zu hohe Zinsen könnten etwa auch im Baubereich zu großen Belastungen führen. Es gab ja in Österreich und Deutschland viele Bauvorhaben, weil die Zinsen bei null waren. Das wird sich ändern.

Welche Rolle spielen Dividenden bei Ihrer Auswahl?

Wimmer: Sie spielen nur eine geringe Rolle, weil wir Firmen bevorzugen, die eine Idee haben, was sie mit dem Profit machen. Und dazu zählt nicht, den Aktionären Geld auszuzahlen. Wir mögen Firmen, die sagen, die Aktionäre sollen glücklich sein, wenn die Aktie steigt und sie laufend Gewinn machen. Und die eine Vision haben, wie sie ihr Geld verdienen möchten. Denn der Gewinn wird sich irgendwann im Kurs niederschlagen. Wir nehmen zwar Dividenden ein, aber wir haben keinen Fonds, der auf hohe Dividenden achtet.

Ist Ihre Strategie konservativ?

Wimmer: Da muss man in die Geschichte zurückgehen: Warren Buffett gilt ja als Value Investor. Wenn man unseren Stil ansieht, findet man viele Argumente für diesen Value-Stil – etwa Firmen mit einem guten Managementstil und mit wenig Schulden. Wir gehen aber darüber hinaus: Wir haben das Modell Quality Growth entwickelt: Wir sehen uns an, welchen Gewinn ein Unternehmen in den nächsten fünf Jahren erreichen kann und ob diese Firma eine Chance hat, zweistellig zu wachsen. Das würde ich schon als etwas konservativer bezeichnen. Bei Unsicherheiten kommen bestimmte Unternehmen und bestimmte Branchen nicht in Frage. Wir glauben auch selbst daran, wir sind sozusagen Überzeugungsmanager. Daher legen wir so an, dass die ersten zehn Positionen eines Fonds die Hälfte des Fondsvolumens ausmachen. Wenn wir von einer Firma überzeugt sind, legen wir demnach fünf Prozent des Volumens oder mehr an. Das damit verbundene Risiko können wir abschätzen, weil wir eben sehr tiefe Analysen machen. 

Gibt es Beispiele für Branchen, die derzeit besonders interessant sind?

Wimmer: Ja, zum Beispiel die Gesundheitsbranche – vorausgesetzt, es handelt sich um Firmen, die gut aufgestellt sind und einen Ertrag bringen werden. Da könnte man die dänische Novo Nordisk nennen, die ein neues Medikament gegen Diabetes entwickelt hat. Eine der Nebenwirkungen davon war, dass die Menschen damit stark abnehmen. Innerhalb eines Jahres nehmen stark übergewichtige Personen bis zu 15 Prozent ihres Gewichts ab. Das ist Gold wert. Dieses neue Medikament wird in den USA bereits bei Adipositas verschrieben. Ein anderes Beispiel ist die Luxusgüterbranche, bestimmte Firmen heben sich hier ab – etwa Louis Vuitton, ein Unternehmen, das unter anderem Dior, Tiffany und vor Kurzem den Kofferhersteller Rimowa übernommen hat. Diese Firma stellt Koffer in Leichtbauweise her und wir sehen, dass das Sparen von Gewicht beim Fliegen ein großer Trend ist.

Neben diesen harten Fakten und Zahlen – welche Rolle spielt da noch das Bauchgefühl?

Wimmer: Ich kann als Beispiel die Firma L’Oréal aus Paris nennen, die wir schon lange kennen und im Portfolio haben. Der verantwortliche Fondsmanager ist mal gefragt worden, ob er nicht eine große Nähe zu dieser Firma entwickelt hat. Er hat gesagt, dass es ein großes Vertrauen gibt, das aber immer kritisch hinterfragt wird. Wir schicken jeweils mehrere Fondsmanager zu den Firmen, auch solche, die noch wenig mit dem Unternehmen zu tun hatten. Die können sich das ganz genau ansehen.   ←