Die Gin-Doktoren

Die große Welt im kleinen Sulmtal
Zwei Naturwissenschafter gründen in einer kleinen Garage in der Südsteiermark eine Destillerie. Mit Gin, Rum und Whisky räumen ­sie die renommiertesten Preise auf internationalen Competitions ab. Jetzt setzen Carmen und Werner Krauss zur Eroberung der Welt an.

Südsteiermark – das erweckt hierzulande Assoziationen mit edlen Weinen in Gamlitz und urigen Weinstraßen an der slowenischen Grenze. Das Sulmtal, also die Gegend zwischen Deutschlandsberg und Leibnitz, ist weniger bekannt. Außer bei Spirituosen-Sommeliers. Weil hier, im 3.105 Einwohner zählenden St. Martin im Sulmtal, die Distillery Krauss ihre Heimat gefunden hat. Eine kleine Brennerei mit globalen Folgen: Kaum ein anderes Unternehmen auf der Welt hat so viele Auszeichnungen für Gin erhalten. Oder als Nichtamerikaner bei der World Spirits Competition in San Francisco Gold für einen „Bourbon“-Whiskey gewonnen. Dazu kommen noch die Prämierung bei den International Sugarcane Spirits Awards für den besten Rum Europas und Dutzende Ehrungen, Auszeichnungen und Medaillen mehr.

assets Magazin: Carmen und Werner Krauss
Carmen und Werner Krauss räumen auch mit ihren Whiskys zahlreiche Auszeichnungen ab.

Verantwortlich für die Verwandlung der Steiermark in ein Gin- und Whiskyzen­trum ist das Ehepaar Dr. DI Carmen und Dr. DI Werner Krauss. Bei den beiden verschmelzen viele Talente zu einem wirtschaftlich erfolgversprechenden Cuvée.

Aber der Reihe nach: Die beiden Gründer studieren Chemie an der TU Graz, unternehmen erste Karriereschritte in Unternehmen und kehren zur Erlangung der Doktorwürde an die Universität zurück. „Ich wollte aber lieber Chef sein“, argumentiert Werner Krauss lachend die Unternehmensgründung: „Das geht in einem eigenen Betrieb leichter.“ Irgendetwas mit Früchten sollte es sein, schließlich war der Großvater regionaler Pionier im professionellen Obstbau. „Aber mit Obst kann man sich nicht abheben, für den Konsumenten schaut jeder Apfel gleich aus“, so Krauss. Also wird ab 2007 veredelt. Per Brennkessel. Erst nur nebenberuflich, weil aller Anfang schwer ist. Die Garage des privaten Wohnhauses in Schwanberg muss als Destillerie und Lagerraum ge­nügen. Die Jungunternehmer wissen: „Als Österreicher kann man über Menge und Preis mit der internationalen Konkurrenz sowieso nicht mithalten, also haben wir uns auf Qualität konzentriert.“ Was prompt Auszeichnungen hageln lässt – und eine betrübliche Erkenntnis beschert: „Edelbrände kennt man nur im deutschsprachigen Raum, das kann man nur regional verkaufen.“ Auch das wird immer schwieriger: Das Schnapswagerl nach dem Dessert rollt kaum noch durch Restaurants. Also experimentiert man 2011 mit Whisky, dann probiert man die Herstellung von Rum. Weil, so Krauss selbstbewusst: „Einen guten Fruchtbrand zu machen, ist die Meisterklasse. Da kann man viele Fehler von der Obstwahl übers Einmaischen bis zum Brennen machen, dagegen sind Whisky, Rum und andere Spirituosen einfach.“

Die Garage platzt mittlerweile aus allen Nähten. Da Krauss harte Arbeit noch nie scheute, greift er zur Schaufel und erweitert den darunterliegenden Erdkeller zur Logis­tikfläche. Später kommt ein 120 Quadratmeter großer Zubau dazu, der die Unternehmensfläche verfünffacht.

„Jeder Whisky braucht eine Geschichte. Unsere stammt vom steirischen Urmais.“

– Werner Kraus –
über die Vermarktung von „Bourbon“

Ein Gin als Urknall

Das Unternehmen gedeiht und verdient Geld. „Das haben wir aber immer sofort reinvestiert“, erzählt Werner Krauss. Ab 2014 etwa auch in die Produktion des ersten Gins. Ein Wacholdergeist, der alles verändert. „Der hat gleich richtig eingeschlagen und Doppelgold in San Francisco gewonnen“, erzählt Krauss. Das Erfolgs­rezept: „Niemand schmeckt Dutzende verschiedene Botanicals. Wir haben zwei, drei Leitgewürze, die bei unterschiedlichen Sorten deutlich in eine andere Richtung gehen, damit dem individuellen Kundengeschmack Rechnung getragen wird.“ Mit dem prämierten Gin steht man zwar plötzlich im Rampenlicht, bleibt aber den eigenen Überzeugungen treu. Aufwendige Experimente gibt es kaum. „Wir machen einen Ansatz und schmecken ab – das ist es“, erzählt Krauss. Wegschütten musste er bisher wenig, „alles, was ich angegriffen habe, hat ganz gut funktioniert“. Was bei anderen arrogant wirken mag, klingt bei Krauss nach sympathischem Selbstbewusstsein.

Erfolgreiches Crowdfunding

Das auch dann nicht erschüttert wird, wenn sich die Bedingungen gegen das junge Unternehmen wenden. Zwar kündigen die Krauss 2015 ihre Jobs und widmen sich ganz ihrer aufstrebenden Spirituosen-Manufaktur, bald wird aber klar: Eine erfolgreiche Zukunft basiert auf Export. „Ein ­Importeur hat nichts davon, wenn ich ihm ein oder zwei Paletten liefern kann. Die denken in anderen Dimensionen.“ Also braucht es einen neuerlichen Ausbau. Und einen Kredit. So startet er bei Lion Rocket eine Crowdfunding-Kampagne.

Fast 500.000 Euro werden von 334 Investoren in Rekordzeit eingesammelt. „Das ist teures Geld“, weiß Krauss, „aber notwendig, um den neuen Produktionsstandort in St. Martin bauen zu können.“

Jetzt ist endlich Platz für Wachstum. 750.000 Flaschen Gin könnten jetzt jährlich produziert werden, dazu noch 150.000 Flaschen Rum, Whisky und Fruchtbrand. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht, schon gar nicht am Können und auch nicht am geschickten Marketing. Bei dem ausgezeichneten Sulm Valley Whisky, dem preisgekrönten Bourbon, setzt Krauss auf Urmais als Ausgangsmaterial. „Jeder Whisky braucht eine Geschichte. Also haben wir uns auf unsere Wurzeln konzentriert.“ Krauss kauft eine autochthone Maissorte zu, die vom kreativen Landwirt Alexander Imhof angepflanzt wird. „Das war der Mais, der bei uns vor dem Hybridmais Standard war. Früher hat man daraus zum Beispiel Sterz gemacht. Für die Schweinemast ist er aber viel zu unergiebig.“ Die Geschichte lässt sich gut erzählen und ist gleichzeitig ein stiller, aber schlauer Protest gegen den Standardisierungswahn einflussreicher Saatgutproduzenten, die solche Sorten per EU-Verordnungen aus dem Markt drängen wollen.

Schlaue Lösungen

Hinter dem erfolgreichen Weg der Destillerie steht aber nicht nur das große Können von Werner Krauss am Brennkessel, sondern auch die geschickte Unternehmensführung durch Ehefrau Carmen. Sie sorgt dafür, dass genug Zuckerrohrmelasse für die Rumproduktion aus Afrika geliefert wird und die besten Gewürze aus aller Welt für die Ginproduktion bereitstehen. Gegen allfällige ungerechtfertigte Klagen auf Millionen-Entschädigungen im diesbezüglich ausufernden angelsächsischen Raum schützt ein geschickt gewobenes Firmengeflecht. Auch die alten Gebäude in Schwanberg werden weiter genutzt, etwa um als White-Label-Produzent für andere Hersteller ein Zubrot zu verdienen.

Fässer für Anleger

Es wäre also alles zubereitet für den internationalen Erfolg. Bis Corona kam und die ganze Welt innerhalb kürzester Zeit lahmlegte. „Den Umsatz konnten wir zwar halten, aber viele schon weit fortgeschrittene Gespräche mit Importeuren aus Japan und Frankreich kamen wegen der Lockdowns zum Stillstand“, erzählt Krauss.

Durch den erfolgten Lageraufbau ist es Anlegern nun möglich, ganze Whiskyfässer zu erwerben. Die bleiben weiterhin in St. Martin perfekt gelagert und steigen dabei langsam, aber sicher im Wert. 12.000 Euro kostet das hölzerne Äquivalent zu 400 Flaschen. Schon wieder so eine Idee, die bestens funktioniert. Aber nur eine von vielen. Weil Werner Krauss jetzt auch mit Torfmalz aus dem steirischen Hochmoor in Garanas-Whisky veredeln will. Und exotische Pfeffersorten in Ginvariationen ausprobieren möchte. Aber erst dann, wenn die Gespräche mit Importeuren vorbei sind. Denn jetzt, wo ein Ende der Pandemie in Sicht ist, läutet auch im Sulmtal wieder sehr oft das Telefon. Am anderen Ende sind Importeure aus aller Welt. „Es bewegt sich wieder etwas“, lächelt Werner Krauss verschmitzt.

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