Öl- und Gaspreise werden wahrscheinlich abstürzen

Was hoch steigt, muss auch wieder fallen. Die Preise für fossile Brennstoffe sind so stark gestiegen, dass sie den Bezug zu den Fundamentaldaten verloren haben und daher zwangsläufig stark fallen werden, schreib Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management, in seinem Marktkommentar. Die einzigen Fragen, die sich ihm stellen: wann und wie stark?

Der Hauptgrund für den bevorstehenden Absturz liegt darin, dass die allgemeine Inflation in letzter Zeit weitaus stärker gestiegen ist als das Wachstum der Haushaltseinkommen. In den USA beispielsweise stiegen die Verbraucherpreise im Januar um schockierende 7,5 % im Jahresvergleich, während die durchschnittlichen Einkommen im Jahresvergleich nur um etwa 5 % zunahmen. Das Gleiche ist in letzter Zeit in den meisten anderen reichen Ländern geschehen.

Dieser starke Kaufkraftverlust wird wiederum eine weltweite Rezession oder zumindest eine erhebliche Verlangsamung des Wachstums auslösen, beginnend in den Volkswirtschaften, die Nettoimporteure fossiler Brennstoffe sind, wie die EU, China, die USA und Japan. Darüber hinaus beginnen die wichtigsten Zentralbanken nun, die quantitative Lockerung zurückzufahren und die Zinssätze anzuheben, obwohl dies die rezessiven Kräfte der Preisexplosion bei fossilen Brennstoffen prozyklisch verstärken wird.

Diese beiden Entwicklungen allein reichen aus, um einen Absturz der Öl- und Gaspreise herbeizuführen. Und von erhöhten Inflationserwartungen kann keine Rede sein: Die Produktionslücken sind immer noch recht groß, so dass es für die Löhne nicht einfach sein wird, mit der Inflation gleichzuziehen. Die Inflationserwartungen – die notwendig sind, um eine anhaltende Lohn-/Preisspirale in Gang zu setzen und die Explosion der Treibstoffpreise aufrechtzuerhalten – bleiben recht gedämpft. Inflationsgebundene Staatsanleihen deuten darauf hin, dass die erwarteten, d. h. implizierten durchschnittlichen jährlichen Verbraucherpreisinflationsraten für die nächsten fünf bis zehn Jahre zwischen 0,6 % in Japan, 1,8 % in Deutschland und 2,5 % in den USA liegen. Anleiherenditen, die weit unter der tatsächlichen Inflation liegen, zeigen, dass die Anleger die Inflationsrisiken weiterhin gelassen sehen. Es gibt auch keine Flucht in Gold, die ultimative Inflationsabsicherung (und auch nicht in auf Yen lautende Vermögenswerte). Die Märkte sagen uns, dass die heutigen rekordhohen Inflationsraten wahrscheinlich nur vorübergehend sind, was eine logische Folge davon ist, dass die Öl- und Gaspreise als viel zu hoch angesehen werden.

Kurzfristig werden die Märkte weiterhin von Corona und der Angst vor einem Krieg im Osten beherrscht. Sobald diese Risiken abklingen, werden die Hauptangstfaktoren, die die Rohstoffpreise und die allgemeine Inflation angetrieben haben, verschwinden. Weltweit gibt es keine Knappheit an Öl und Gas, vor allem nicht auf dem heutigen hohen Preisniveau. Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich das Blatt gewendet hat, aber Rückschläge können natürlich jederzeit eintreten.

Ich gehe davon aus, dass der Ölpreis im Laufe des Jahres wieder auf vielleicht 50 $ pro Barrel zurückgehen wird (oder weniger, bei einem Ausverkauf), während die Gaspreise um etwamn70 % fallen könnten, um ein „normales“ Niveau zu erreichen. Es wird immer gefährlicher, auf Energie zu setzen.

All dies bedeutet, dass die Verbraucherpreisinflation hier in Europa in den kommenden Monaten ihren Höhepunkt erreichen wird. Die Anleihemärkte werden in nächster Zeit schwach bleiben – aber sie werden nicht zusammenbrechen. Aktien sind wesentlich stärker gefährdet.

Rechtliche Hinweise

Die Informationen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und gelten nicht als Anlageberatung. Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen und Bewertungen können sich ändern und geben den Standpunkt von Wermuth Asset Management im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld wieder. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Informationen wird keine Haftung übernommen. Die Performance in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Hinweis auf aktuelle oder künftige Entwicklungen. Die erwähnten Finanzinstrumente werden nur zur Veranschaulichung genannt und dürfen nicht als ein direktes Angebot oder als eine Anlageempfehlung oder Anlageberatung aufgefasst werden. Die aufgeführten Wertpapiere wurden aus dem von den Portfoliomanagern abgedeckten Wertpapieruniversum ausgewählt, um den Leser beim besseren Verständnis der vorgestellten Themen zu unterstützen, und sind nicht unbedingt Bestandteil eines Portfolios oder stellen Empfehlungen der Portfoliomanager dar. Es gibt keine Garantie dafür, dass Prognosen eintreten.

Über Wermuth Asset Management

Wermuth Asset Management (WAM) ist ein Family Office, das auch als BAFIN-regulierter Anlageberater tätig ist. Das Unternehmen hat sich auf klimawirksame Investitionen über alle Anlageklassen hinweg spezialisiert, wobei der Schwerpunkt auf EU-„exponentiellen Organisationen“ nach der Definition der Singularity University liegt, d.h. Unternehmen, die ein großes Problem der Menschheit profitabel lösen und exponentiell wachsen können. Das Unternehmen investiert über eigene und fremde Fonds in Private Equity, börsennotierte Anlagen, Infrastruktur und Sachwerte. WAM hält sich an die UN Principles of Responsible Investing (UNPRI) und den UN Compact und ist Mitglied der Institutional Investor Group on Climate Change (IIGCC), des Global Impact Investing Network (GIIN) und der Divest-Invest-Bewegung.

Jochen Wermuth gründete WAM im Jahr 1999. Er ist ein deutscher Klimafolgeninvestor, der im Lenkungsausschuss von „Europeans for Divest Invest“ tätig war. Seit Juni 2017 ist er auch Mitglied des Anlageausschusses für den 24 Milliarden Euro schweren Energiewendefonds (KENFO).

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