Revolution! – Pandemiefolgen am Kunstmarkt

assets Magazin: Kunst - Sotheby
Auction of the Future:
Sotheby's Auktionsformat im Pandemiezeitalter brach Rekorde.

Der Kunstmarkt war bisher eine gut abgestimmte Maschinerie, die vom internationalen ­Austausch, von Messen, Auktionen, Vernissagen und Socializing lebte. Dann kam Corona und nichts ging mehr. Doch nach dem ersten Schock wurde der Markt innovativ.

Die global rasante Verbreitung des Virus im Frühjahr 2020 führte zum ebenso schnellen Lockdown. Auch der Kunstmarkt kam quasi über Nacht zum Stillstand. Strategien, wie mit so einer Situation umzugehen ist, hatte niemand. Die entscheidende Frage in der Branche: Werden die Menschen trotz Corona noch Kunst kaufen? Die Antwort ist: Ja. Zwar nicht im normalen Ausmaß, aber Vermögende investierten auch in Coronakrisenzeiten in Sachwerte. Doch dazu mussten erste neue Verkaufswege aufgebaut werden. Die Branche, davor im digitalen Dornröschenschlaf, war gezwungen, im Eiltempo Onlinestrategien zu entwickeln. Galerien, Kunsthändler und auch Messen starteten Viewingrooms, Verkaufsplattformen und digitale Messen. Zu den Ersten zählte die Art Basel, die durch die Absage der Messe in Hongkong früh betroffen war. Der Schnellstart litt an Kinderkrankheiten, aber im Laufe des Jahres wurden die verschiedenen Messen bei ihren Onlineangeboten professioneller. Nach Entdeckung der digitalen Welt wollen sie auch in Zukunft neben den Präsenzmessen online bleiben. Dennoch ist das reale Kunsterlebnis ebenso wenig durch die virtuelle Welt zu ersetzen wie die internationale Vernetzung. Die eingeschränkte Reisemöglichkeit und fehlende internationale Präsentation von Künstlern wirken sich negativ aus. Zu Messen wie der Artissima und der Arco oder den großen wie der Frieze und der Art Basel kommen immer sehr viele Kuratoren. Dort präsentieren die Galerien neue Positionen einem Fachpublikum. Diese Möglichkeit ist durch Corona weggefallen, wie Galerienverbandspräsident Martin Janda weiß. Ähnlich sieht das die Junggaleristin Sophie Tappeiner. Sie befürchtet, dass sich die mangelnde internationale Präsenz ihrer Künstler erst mit Verzögerung aufs Geschäft auswirken wird. „Der Kunstmarkt reagiert verlangsamt. 2020 habe ich Arbeiten aus Projekten verkauft, die vor der Krise stammten.“

Hybridauktionen

Wie der Handel musste sich auch der Auktionsmarkt schnell auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Zwar gab es reine Onlineauktionen schon in der Vergangenheit, doch selbst bei den Marktführern Sotheby’s und Christie’s machten diese nur einen geringen Anteil aus. Das Hauptproblem der Onlineauktionen: Sie wurden nur für niedrigpreisige Ware genutzt. Mehr als 80 Prozent der Lose lagen bei unter 10.000 Dollar. Vielen Sammlern war der Erwerb hochpreisiger Ware ohne vorherige Besichtigung suspekt. Auch das hat Corona verändert. Innerhalb kürzester Zeit entwickelten die Auktionshäuser Hybridformate aus Live- und Digitalauktionen, die sich schnell durchsetzten. Der Lackmustest für den High-End-Markt kam dann am 29. Juni. Sotheby’s startete mit der neuen Auktionsform und nannte sie „Auction of the Future“. Starauktionator Oliver Barker stand in London in einer Art TV-Studio vor Screens mit Zuschaltungen von Hongkong und New York und nahm Gebote aus aller Welt entgegen. Es war ein großer Erfolg, gläserne Preisdeckel wurden pulverisiert. Den höchsten Zuschlag bekam Francis Bacons „Triptychon, angeregt durch die Orestie von Aischylos“, das auf 74 Millionen Dollar kletterte. Der Bann war gebrochen.

assets Magazin: Kunst - Francis Bacon
Francis Bacon: „Triptychon, angeregt durch die Orestie von Aischylos“.
Von Sotheby’s online um 74 Millionen US-Dollar versteigert.

Markt ist eingebrochen

Doch trotz aller medial beachteten Rekorde der großen Auktionshäuser: Corona hat dem globalen Kunstmarkt stark zugesetzt. Weltweit ist laut dem im März publizierten „Art Basel and UBS Art Market Report“ der Handel mit Kunst und Antiquitäten 2020 um 22 Prozent eingebrochen. Nach Erhebungen der Kulturökonomin Clare McAndrew erreichte das Volumen 50,1 Milliarden Dollar. Das ist der tiefste Wert seit der Rezession von 2009. „Der Kunstmarkt war denkbar schlecht vorbereitet, um mit den Realitäten der Covid-19-Pandemie umzugehen, da er sich hauptsächlich aus kleinen Unternehmen zusammensetzt, die auf diskrete Transaktionen, Reisen und persönlichen Kontakt angewiesen sind“, resümiert McAndrew. Ein Rekordhoch erreichte logischerweise der Onlineumsatz. Mit 12,4 Milliarden Dollar hat sich der Wert gegenüber 2019 verdoppelt. Überraschenderweise haben sich auch die sozialen Medien als wichtiger Verkaufskanal entpuppt. Spitzenreiter war diesbezüglich Instagram. Diese Erfahrung hat auch der Wiener Antikenhändler Christoph Bacher gemacht. Ein bekannter italienischer Modeschöpfer kaufte bei ihm mitten im Lockdown ein Objekt, das er zuvor auf Instagram gesehen hatte.

Junge auf dem Vormarsch

Die starke Verlagerung des Kunstmarktes ins Internet hat jüngere Generationen auf den Plan gerufen. Laut Hiscox Online Art Trade Report 2020 haben 69 Prozent der befragten Millennials Kunst online gekauft – versus 40 Prozent im Jahr davor. Auch Christie’s-CEO Guillaume Cerutti machte diese Beobachtung. Von den 40 Prozent Neukunden bei Onlineauktionen im Vorjahr waren 32 Prozent Millennials. Diese Entwicklung ist überfällig. Mit der Generation Y sind auch neue Sammelgebiete entstanden. Sotheby’s versteigerte im Herbst erstmals Hip-Hop-Memorabilia, darunter eine Plastikkrone des Rappers Notorious B.I.G., die fast 600.000 Dollar einbrachte. Die beiden Marktführer stiegen auch ins Sneakergeschäft ein. So erzielte Christie’s im August für Sportschuhe von Basketballstar Michael Jordan 615.000 Dollar. Die Millionenmarke knackten dann Ende April bei Sotheby’s die „Nike Air Yeezy“-Schuhe, die Kanye West bei seinem Grammy-Awards-Auftritt 2008 trug. Das Prototypenpaar erzielte 1,8 Millionen Dollar. Den absoluten Höhepunkt in Sachen neue Sparten gab es heuer im März bei Christie’s mit der ersten Auktion eines mit NFT-Zertifikat gesicherten Kryptokunstwerks. NFT steht für „Non Fungible Token“ und ist ein in der Blockchain gespeichertes Echtheitszertifikat für digitale Kunst oder andere sammelbare Assets. Mithilfe eines NFT können digitale Inhalte fälschungssicher zugeschrieben werden. Wer den NFT besitzt, hat das Original. Bisher waren NFTs außerhalb der digitalen Community kaum bekannt. Das sollte sich ändern, als Christie’s heuer im März um unglaubliche 69 Millionen Dollar ein digitales Bild des bisher in der Kunstszene völlig unbekannten Künstlers Beeple verkaufte. Kurz darauf versteigerte Sotheby’s die Serie „Cube“ von Pak für 16,8 Millionen Dollar. Seither steht der Kunstmarkt kopf und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Artikel oder ein Social-Media-Post das Phänomen NFT zum Thema hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

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