Langfristig orientiert, aktiv gemanagt

assets Magazin: Rainer Schnabl, Vorsitzender der Geschäftsführung Raiffeisen KAG
Rainer Schnabl, Vorsitzender der Geschäftsführung Raiffeisen KAG: "Eine frühere Zinsanhebung wäre für die Aktienmärkte ein negatives Szenario."

Die Aktienmärkte sind derzeit von höherer Volatilität geprägt. Die Risikobereitschaft der Anleger scheint fragil, denn viele Faktoren bereiten Sorgen, darunter die steigenden Energiepreise, die Inflation, die Pandemie und zuletzt Chinas taumelnder Immobilienriese Evergrande. Fondsexperten beruhigen und bleiben auf lange Sicht positiv gestimmt.

Aus der Fülle an Risikofaktoren, die sich derzeit auf die Mägen der Investoren schlagen, kristallisieren sich für die meisten Fondshäuser nur wenige heraus, die tatsächlich der Grund für Nervosität sein sollten.

So rät Fidelity International zu erhöhter Vorsicht, vor allem, was die Entwicklung am Rohstoffsektor anbelangt: „Die Preissteigerungen am europäischen Gasmarkt, die sich letztens nochmals drastisch verschärft haben, hat es in diesem Ausmaß seit vielen Jahren nicht gegeben. Das Problem wird durch Engpässe im Angebot herbeigeführt, nicht zuletzt hervorgerufen durch die massive wirtschaftliche Erholung. Das wirkt sich ebenso auf den Ölpreis aus. Die OPEC war zuletzt sehr zurückhaltend, das Angebot auszubauen. Experten rechnen mit einem weiteren, durchaus fühlbaren Anstieg der Energiepreise, der die Wirtschaft bremsen könnte“, meint Thomas Loszach, Country Head Austria & Central and Eastern Europe (CEE).

Für Alois Steinböck, CIO von Amundi Austria, ist die Inflationsentwicklung bei Energie und Lebensmitteln ebenfalls risikobehaftet: „Das Thema der hinaufschnellenden Energiepreise ist in Europa, wo die Gaspreise auf ein Rekordniveau geklettert sind, in aller Munde. Auch die Lebensmittelpreise ziehen rasant an, und dieses Thema ist für die Schwellenländer besonders kritisch. Ein großer Teil der jüngsten Inflationsanstiege ging auf einen kombinierten Effekt aus Lieferkettenproblemen, größerer Nachfrage aufgrund des Reopenings vieler Wirtschaftsbereiche und anschwellenden Rohstoffpreisen zurück. Die Materialknappheit ist weiterhin heikel für das produzierende Gewerbe. Wir erwarten eine Normalisierung dieser beiden Effekte innerhalb des nächsten Jahres. Sollte sich die Inflation mittelfristig klar über den Zielmarken der bestimmenden Notenbanken einpendeln – hauptsächlich ausgelöst durch Zweitrundeneffekte bei Lohn- und Gehaltskosten –, wäre das ein Warnsignal an die Märkte in Richtung Stagflation.“

Auf die Themen Inflation und Zentralbanken angesprochen, zeigen sich weitere Fondshäuser skeptisch. Bei Franklin Templeton sind sich die Wirtschaftsexperten uneins, ob die Inflation nur vorübergehender Natur ist oder bis ins Jahr 2022 hinein auf hohem Niveau verharren wird. „Die Wirtschaftsdaten belegen, dass die Preise weiterhin kräftig in die Höhe tendieren. Dies setzt die für die Geld- und Fiskalpolitik zuständigen Behörden unter Druck, ihren Kurs anzupassen, um eine Überhitzung der Wirtschaft zu verhindern. Da die Reaktionen von Regierungen und Verbrauchern aus sowohl politischer als auch verhaltensbezogener Sicht unbeständig sind, wächst die Bandbreite möglicher wirtschaftlicher Entwicklungspfade“, sagt Karl Banyai, Sales Director in Österreich. Rainer Schnabl, CEO der Raiffeisen KAG, bringt es auf den Punkt: „Sollte der aktuell relativ deutliche Preisauftrieb nicht – wie von den Notenbanken erhofft – von vorübergehender Natur sein und spätestens im nächsten Jahr wieder moderateren Inflationsraten Platz machen, dann wäre ein Umdenken in der Geldpolitik notwendig. Konkret würde dies ein rascheres Einstellen der Anleihekäufe sowie frühere Zinsanhebungen bedeuten. Dies wäre für viele Marktsegmente und insbesondere für die Aktienmärkte ein negatives Szenario.“

Schnäppchenjäger unterwegs

Apropos Zinserhöhungen. Während Fed und EZB bisher die Füße stillhalten, sieht es in der zweiten und dritten Reihe anders aus. So haben die Zentralbanken in Neuseeland, Polen, Ungarn und Tschechien bereits ihre Liquiditätsbremsen gezogen, die norwegische Norges Bank hat den Leitzins im Oktober um 25 Basispunkte auf 0,25 Prozent angehoben. Dies sei laut Mike Judith von DNB Asset Management (DNB AM) eine Folge davon, dass die in den letzten Jahren generell robusten Volkswirtschaften im Norden, speziell Norwegen, die Pandemie gut gemeistert haben und sowohl die Fundamentaldaten als auch die Aussichten für die nächsten Monate sehr gut sind. „Als Hauptwachstumstreiber erwarten wir im nächsten Jahr den privaten Konsum, besonders im Bereich der Dienstleistungen. Norwegische Haushalte haben ihre Ersparnisse während der Pandemie – wie in anderen Ländern – erheblich erhöht und es steht zu erwarten, dass sich der Nachholbedarf bei eben jenem privaten Konsum schon im kommenden Jahr in den Zahlen bemerkbar machen wird“, berichtet Judith und empfiehlt Investoren, die Sicherheit gepaart mit Rendite wünschen, in nordische Anleihen zu investieren. „Der nordische Anleihemarkt verfügt traditionell über einen hohen Anteil an Floating Rate Notes, dies im High-Yield- sowie im Investment-Grade-Segment. Dies führt in der Regel zu niedrigeren Portfoliodurationen und somit zu einer für Anleger insgesamt günstigen Konstellation: Durch die niedrigen Durationen sind nordische Anleihen zwar wenig zinssensitiv, der positive Effekt durch die wirtschaftliche Erholung und die dadurch verbesserten Erträge der Unternehmen überwiegt und erscheint attraktiv. Letzteres kommt unseren Rentenfonds wie z. B. dem DNB Fund High Yield zugute.“ Auch Nordea Asset Management geht bei den Nordics nicht von einer Korrektur aus: „Durch die China-Unsicherheit, schwächeres Wachstum, die möglichen Schocks wären in erster Linie die größeren Märkte betroffen, US-Börsen, London, Emerging Markets. Etwas kleinere Märkte wie Skandinavien und die Wiener Börse könnten davon profitieren und ihre Outperformance fortsetzen“, ist Johannes Rogy, Head of Fund Distribution, Region CEE, überzeugt.

Wenn es um Börsen geht, die sich der zunehmenden Unsicherheit entziehen können, setzt Fidelity International auf sogenannte Schnäppchen, darunter auf China: „Ich teile nicht die Vorstellung, dass dieses Land aufgrund regulatorischer Maßnahmen eine strukturelle oder anhaltende Herabstufung erlitten hat. Sein langfristiger Ausblick ist immer noch positiv, angetrieben von einigen außergewöhnlichen Unternehmen und Fundamentaldaten“, findet Loszach. BNP Paribas Asset Management gewichtet dagegen vorrangig europäische Small Caps, die Aktienmärkte in den USA, Japan und die Emerging Markets über: „Das sind Märkte, die normalerweise während einer wirtschaftlichen Erholung outperformen. Wir schätzen zwar, dass manche von ihnen in Phasen der Nervosität schwächeln, erwarten aber letztlich eine Kurserholung“, erklärt Chefstratege Daniel Morris.

Viele der befragten Asset-Manager fokussieren sich allerdings auf bestimmte Sektoren, obwohl das derzeit etwas knifflig ist, wie Johannes Müller, Head of Macro Research bei DWS International, weiß: „Insgesamt schreitet die wirtschaftliche Erholung weiter voran. Die Zinsen ziehen daher leicht an, wenngleich von einem sehr niedrigen Niveau kommend und wahrscheinlich aus historischer Perspektive weiter auf niedrigem Niveau bleibend. Ein Wirtschaftsaufschwung spricht normalerweise für zyklische Sektoren und Substanzwerte. Ein auf lange Sicht niedriges Zins- und Wachstumsumfeld spricht jedoch für solide Wachstumswerte. Kurzfristige Zweifel an der Konjunktur setzen den zyklischen Werten zu, während die Aussicht auf eine schnellere Straffung der Geldpolitik den hochbewerteten Wachstumstiteln zusetzt. Hier das richtige Timing hinzubekommen, ist alles andere als leicht. Wir setzen daher auf eine Mischung aus Wachstums- und zyklischen Werten.“

Aktien defensiver Firmen, die wenig empfindlich auf wirtschaftliche Veränderungen reagieren und ihre Gewinne steigern können, sind dagegen die erste Wahl von Fidelity International. „Genau auf solche Unternehmen fokussieren sich die Manager unserer beiden globalen Dividendenstrategien. Beide, der FF – Global Dividend Fund und der FF – Sustainable Global Equity Fund, suchen nach qualitativ hochwertigen Unternehmen mit gesunden Bilanzen und einem sehr stabilen Gewinnprofil, was sie in die Lage versetzt, konstant wachsende Dividenden zu zahlen. Diese finden sie oftmals in Bereichen wie Grundbedarfsgüter, Pharma, Versicherer oder Versorger. Aufgrund des sehr einseitigen Fokus vieler Investoren handeln viele dieser defensiven Werte nun mit einem historisch gesehen sehr hohen Abschlag zum Gesamtmarkt. Wir glauben, dass diese Strategien sehr gut geeignet sind, einem Aktienportfolio Stabilität zu geben und gerade in einer schwierigeren Zeit eine Art ,Stoßdämpferfunktion‘ zu übernehmen“, betont Loszach.

Nachhaltiges Investment gefragt

Uli Krämer, Chief Investment Officer der KEPLER-FONDS KAG, glaubt hingegen an eine Fortsetzung des Trends vergleichsweise stabiler Value-Aktien und nach unten korrigierender Technologiewerte, beobachtet aber im Speziellen eine anhaltende Nachfrage nach starken ESG-Titeln und ortet steten Zufluss in dieses Marktsegment. „Nachhaltig orientierten Anlegern bieten wir drei Mischfonds mit unterschiedlicher strategischer Aktienbeimischung an – den KEPLER Ethik Mix Solide mit 20 Prozent Aktien, den KEPLER Ethik Mix Ausgewogen mit 50 Prozent Aktien und neu den KEPLER Ethik Mix Dynamisch mit 80 Prozent Aktien.“ Wie KEPLER-FONDS halten auch viele andere Fondshäuser nachhaltiges Investment, globale Klimathemen und Social Impact Investing für Bereiche, die von den aktuellen Risiken nicht so hart betroffen sind, und haben verschiedene Fonds in ihrer Palette mit unterschiedlichen Risikoprofilen, wie z. B. drei Produkte aus der Amundi-Ethik-Fonds-Familie. „Mit ihrer diversifizierten Anlagestrategie sind sie gerade im aktuellen Umfeld interessant. Beim Amundi Ethik Fonds ist der Aktienanteil auf maximal 40 Prozent des Fondsvolumens begrenzt, während beim Amundi Ethik Fonds Ausgewogen bis zu 60 Prozent des Fondsvolumens in Aktien investiert werden können. Maximale Flexibilität bietet der Amundi Ethik Fonds Evolution. Hier kann der Aktienanteil je nach Marktlage zwischen null und 100 Prozent betragen. Seine Besonderheit ist das Risikomanagementsystem zur dynamischen Steuerung der Aktienquote“, erläutert Steinböck. Für Franklin Templeton ist gerade die Eindämmung des Klimawandels eine der größten Herausforderungen für die Menschheit, die weltweit alle Branchen betrifft und erhebliche Investitionen und Anpassungen erfordert. „Im Zuge dessen werden sich neue Gewinner und Verlierer herauskristallisieren und Anlagechancen weit über die Umweltsektoren hinaus entstehen. Aus diesen Gründen sollte eine effektive Klimawandelstrategie unseres Erachtens in das gesamte Universum der Anlagemöglichkeiten investieren“, denkt Banyai und schlägt unter anderem den Templeton Global Climate Change Fund vor, dessen CO²-Bilanz bis 2027 durch Bemühungen um Entkarbonisierung wesentlich verbessert werden soll. Die Raiffeisen KAG, einer der Pioniere im Bereich nachhaltiges Investment, regt als Kerninvestment einen möglichst gut gestreuten Fonds an: „Der Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Aktien deckt viele Branchen und Länder ab und ist somit gut geeignet, um an einem breiten Aktienmarktaufschwung zu partizipieren“, vermutet Schnabl.

Chancen für Aktien

Das Multi-Asset-Team von Jupiter Asset Management ist überzeugt, dass in puncto Risiko derzeit eine selektive Herangehensweise wichtig ist, und glaubt, dass Aktien auf diesem Weg gut abschneiden können. Um in einem reflationären Umfeld mit kräftigerem Wachstum, höherer Inflation und steigenden Zinsen selbst bei festverzinslichen Anlagen positive Renditen zu erzielen, sei allerdings ein stärkerer „Absolute Return“-Ansatz erforderlich. „Fonds, die in der Lage sind, Short-Positionen entweder direkt oder für Relative-Value-Anlagen einzugehen, werden bei der Erzielung von Erträgen im Vorteil sein, unterstützt durch die Flexibilität, im gesamten Anleiheuniversum zu investieren. Wir sind der Meinung, dass der Jupiter Strategic Absolute Return Bond Fund die richtige Wahl für diejenigen ist, die einen alternativen Ansatz für festverzinsliche Wertpapiere suchen. Dieser nutzt sein breites Spektrum an Möglichkeiten, erfindet das Portfolio ständig neu und stellt das Risikomanagement in den Mittelpunkt des Anlageprozesses“, erläutert Daniel Blum, Vertriebsdirektor Österreich. Kunden, die ein ausgewogenes Risiko-Ertrags-Profil wünschen und ferner kurzfristige Rückschläge vermeiden wollen, sollten laut Nordea Asset Management einen Blick auf die Alpha-Fondspalette von Nordea werfen.

„Diese Multi-Asset-Fonds bieten Schutz vor Korrekturen und gleichzeitig eine interessante Wertsteigerung“, fügt Rogy hinzu. Sein Investment-Fazit ist kurz und bündig: langfristig investieren und kurzfristig Chancen nutzen.

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