Der Kunstmarkt im Kryptofieber

assets Magazin: "Beeple" - Everydays bei Christie's
"Everydays: The First 5000 Days" von Digitalkünstler Mike Winkelmann alias "Beeple"

Mehr als 13 Jahre lang hat Mike Winkelmann alias „Beeple“ an seiner Digitalcollage „Everydays: The First 5000 Days“ gearbeitet. Im März wurde es von Christie’s zum Rekordpreis von 69 Millionen Dollar als NFT versteigert. Die Auktion führte zum Boom bei Kryptokunst.

NFT. Diese drei Buchstaben erhitzen seit März die Gemüter in der Kunstszene. Die Abkürzung steht für Non-Fungible Token. Es handelt sich dabei um ein in der Blockchain gespeichertes Echtheitszertifikat. Das Besondere an diesen Token ist, dass sie weder austauschbar noch replizierbar sind. So kann ein Asset fälschungssicher zugeschrieben werden. Wer den NFT besitzt, hat das Original. Damit wird digitale Kunst sicher handelbar. Der Markt für NFTs ist seit der legendären Christie’s-Auktion regelrecht explodiert. Sotheby’s ist genauso auf diesen Zug aufgesprungen wie Galerien und Künstler. Plötzlich interessiert sich der breite Mainstream für digitale Wesen in Videogameästhetik, wie die CryptoPunks oder CryptoKitties, animierte Farbverläufe, geometrische Grafiken, die per Zufallsgenerator entstehen, ja selbst für Memes, wie die alte Nyan Cat, die für 600.000 Dollar versteigert wurde.

Doch NFTs gibt es schon länger. Die ersten lassen sich auf das Jahr 2014 datieren, sagt Daniel Heiss, Softwareentwickler, Kurator und Künstler am Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Damals verkaufte der Künstler Kevin McCoy das GIF „Seven on Seven“ im New Yorker New Museum und veröffentlichte die Übertragung des Eigentums auf der Namecoin-Blockchain. „Zusammen mit Anil Dash gründete er Monograph, die erste Plattform, die Blockchain-Technologie nutzte, um digitale Objekte zu authentifizieren“, so Heiss. Ende 2016 entstanden die bis heute bekanntesten NFTs, die von John Watkins kreierten „CryptoPunks“, die seit Juni 2017 gehandelt werden, gefolgt von den „CryptoKitties“, die im November 2017 von Guile Gaspar geschaffen wurden. Auf der NFT-Handelsplattform OpenSea werden CryptoPunks derzeit für rund 100 Ether, das sind umgerechnet etwa 300.000 Euro, gehandelt. Den höchsten Preis erzielte der CryptoPunk mit der Nummer 7523, den der Milliardär Shalom Meckenzie im Juni bei Sotheby’s für 11,8 Millionen Dollar ersteigerte. Die ersten „Punks“ kosteten im Juni 2017 laut Heiss nur eine Transaktionsgebühr von zehn bis 20 Dollar.

Das neue Milliardenbusiness

Ende September gab Christie’s bekannt, dass es heuer die 100-Millionen-Dollar-Marke bei Verkäufen von NFT-Werken überschritten hat. Laut Kunstpreisdatenbank Artprice machten NFT-Werke im Zeitraum zwischen Juni 2020 und Juni 2021 bereits ein Drittel der Umsätze von Onlineauktionen aus. Und auch im „Art Market Report“ der Art Basel hat sich die Kunstökonomin Clare McAndrew dem NFT-Markt gewidmet. Dem Bericht zufolge seien im ersten Halbjahr 2021 1,3 Milliarden Dollar mit NFT-Kunst umgesetzt worden. Im Vergleichszeitraum 2020 waren es 17,4 Millionen Dollar. Doch der Höhepunkt am NFT-Markt scheint vorerst überschritten zu sein, denn nach den jüngsten Rekordverkäufen kommen NFTs nicht mehr an diese Höhen heran, und auch auf OpenSea hat sich das Volumen bei den umsatzstärksten NFTs zuletzt teils mehr als halbiert.

Neue Token-Formen

Daniel Heiss vom ZKM sieht den Boom positiv: „Durch den NFT-Hype bekommt die gesamte generative Kunst mehr Aufmerksamkeit. Bisher bestand das Problem, dass alles, was rein digital war, nicht ernst genommen wurde, weil die Echtheit nicht beweisbar war.“ Durch NFTs könne einem digitalen Werk jetzt ein eindeutiger Wert zugewiesen werden. „Das eröffnet ursächlichen Zulieferern zur Videogame-Branche, Grafikdesignern und vielen anderen Kreativen jetzt völlig neue Möglichkeiten der Vermarktung“, so der Kurator. Er konzentriert sich beim Sammeln von NFTs für das ZKM allerdings auf eine andere Form, als derzeit überwiegend gehandelt wird, die sogenannten On-Chain-NFTs. „Während Käufer eines NFTs normalerweise nur ein Zertifikat erwerben, das auf eine Datei verweist, die nicht in der Blockchain abgespeichert ist, sondern auf Webservern oder dem IPFS (InterPlanetary File System), gibt es NFTs, bei denen das Werk selbst in der Blockchain hinterlegt ist, genauer gesagt der Code, der das Werk generiert“, erklärt Heiss. Der Vorteil sei, dass die gesamte Information, die benötigt wird, um das Werk darzustellen, der Algorithmus, für immer unabänderlich und öffentlich zugänglich in der Ethereum-Blockchain vorliegt. Auch hier waren die Schöpfer der CryptoPunks, Watkinson und Hall, wegweisend. „2019 schufen sie Autoglyphs, die ersten generativen On-Chain-NFTs. Inzwischen gibt es spezielle Plattformen für On-Chain-NFTs, die es auch Künstlern, die nicht über die Expertise verfügen, Smart Contracts für die Blockchain zu entwickeln, erlaubt, generative Programme dort abzuspeichern“, sagt Heiss.

Revolution erreicht Wien

Das Thema NFT hat inzwischen auch den Wiener Kunstmarkt erreicht. Erste Galerien machen Ausstellungen, wie etwa die Galerie Charim heuer im Mai. Und die beiden Galerien Croy Nielsen und Emanuel Layr haben die digitale Plattform CNL gegründet. „Es ist ein Experiment“, sagt Layr und gibt im selben Atemzug zu, dass es nicht einfach war, die ersten Schritte zu machen. Es ist eine technische Welt, in der sie keine Experten seien. Es gehe ihnen mit CNL vor allem darum, Projekten über das Galerieprogramm hinaus eine Plattform zu bieten. Und es wird auch nicht ausschließlich eine Plattform für NFTs sein, sondern auch herkömmliche digitale Kunst zeigen. Nach der ersten NFT-Gruppenausstellung mit dem Namen „The Mona Lisa Effect“, wird die nächste Schau zwar digital sein, aber ganz ohne Absicherung in der Blockchain auskommen. Der traditionelle Kunstmarkt muss generell erst lernen, mit diesem neuen Phänomen umzugehen. Der Markt ist derzeit völlig überhitzt, und es wird auch viel Schrott angeboten. Dennoch sind NFTs eine Revolution für den Kunstmarkt und sind gekommen, um zu bleiben.

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