Kryptowährungen – Die verlorene Unschuld

Rund um das Thema Kryptowährungen ist längst ein Glaubenskrieg entbrannt. Kursturbulenzen sorgten zuletzt für zusätzliche Verunsicherung. Eines ist klar: Wer in Bitcoin und Co investieren will, braucht mitunter starke Nerven.  Text: Harald Fercher

Das Zauberwort heißt BOLD. Der Kunstbegriff setzt sich aus „B“ für Bitcoin und „old“ von Gold zusammen. Gedacht ist BOLD als Inflationsschutz für Anleger, die eine einfache Möglichkeit suchen, in Gold und Bitcoin gleichzeitig zu investieren. Technisch betrachtet ist BOLD ein ETP (Exchange Traded Product), das u. a. in Zürich notiert. Das Produkt, das erst seit Ende April am Markt erhältlich ist, bildet einen Index ab, der ein „optimales risikoangepasstes Engagement in Bitcoin und Gold bietet“, heißt es in der Produktbeschreibung von 21Shares. Wobei BOLD für eingefleischte Krypto-Investoren eher nichts ist. Denn das ETP gewichtet den weniger volatilen Vermögenswert – nämlich Gold – deutlich höher. Mitte Mai lag die Gewichtung bei 85,12 Prozent Gold und 14,88 Prozent Bitcoin.

Nicht unbedingt ein Nachteil, wie sich angesichts des jüngsten Crashs bei Kryptowährungen – zwischen 1. und 18. Mai verlor Bitcoin mehr als 24 Prozent  seines Wertes – zeigt. Auf Sicht von drei Jahren hat die Mutter aller Kryptowährungen – wie Bitcoin gerne genannt wird – trotzdem ein schönes Plus von fast 300 Prozent  aufzuweisen, auf Sicht von fünf Jahren sogar mehr als 1.400 Prozent. Brandbeschleuniger bei dem jüngsten Kursverfall, der auch andere Krypto­währungen in Mitleidenschaft zog, dürften die Ereig­nisse rund um TerraUSD, einen sogenannten Stablecoin, gewesen sein. Eigentlich sollte der Kurs von Terra­USD eins zu eins an den US-Dollar gebunden sein. War er aber nicht, wie die Ereignisse zeigten. Am 8. Mai notierte die vielen Anlegern eher unbekannte Kryptowährung noch bei rund einem Dollar, am 20. Mai war der Wert bis auf etwas mehr als sechs Cent gesunken: minus 93 Prozent – beinahe ein Totalverlust.

Ein Crash mit Folgen?

Derartige Kursvorfälle sorgen natürlich für Schlagzeilen. Das Handelsblatt etwa zitiert Will Clemente vom Analysehaus Blockware mit folgenden Worten: „Dies ist der Lehman-Moment der Krypto­branche, nur dass es hier keine Rettungsaktionen durch die Regierungen gibt.“ Die Süddeutsche Zeitung wiederum titelt am 12. Mai: „Wie eine obskure Kryptowährung den Markt in den Abgrund reißt.“ Und legt vier Tage später mit dem Titel nach: „Der Bitcoin-Crash zieht ein ganzes Land in den Abgrund.“ Die Rede ist von El Salvador, das als einziger Staat in großem Stil in die Kryptowährung investiert hat, finanziert durch Steuergelder, wie es im Artikel heißt. „Nun ist der Kurs eingebrochen – und das Land steuert auf den Staatsbankrott zu.“ Ob dem so ist, wird sich zeigen – betrachtet man die Staatsschuldenquote von El Salvador, so lag diese laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2021 bei 93 Prozent des BIP, jene von Österreich wurde zu diesem Zeitpunkt bei rund 83 Prozent taxiert. Europäische Länder wie Frankreich (119 Prozent), Italien (158 Prozent) oder Spanien (121 Prozent) weisen eine deutlich höhere Schuldenquote auf. Allerdings auch bei einer anderen Wirtschaftskraft. Interessanter Nebensatz in dem Artikel: „Wie hoch genau die Zahl der Bitcoin ist, die heute in der Staatskasse von El Salvador liegen, ist unbekannt.“

Zurück zum eigentlichen Thema. Die Turbulenzen, in die die Kryptowährungen im Mai 2022 gerieten, zeigen eines ganz deutlich: Ein Investment in Bitcoin und Co ist nichts für schwache Nerven. Sie versprechen zwar hohe Gewinne, können bei einem Einstieg zum falschen Zeitpunkt aber auch hohe Verluste einfahren. Dazu kommt, dass sich rund um Kryptowährungen längst ein Betrugskarussell aufgebaut hat, das für Anleger kaum durchschaubar ist. So tummeln sich im Internet zahlreiche Tradingportale, die für viele Anleger vor allem eines parat haben: Verluste. Erst jüngst warnte die österreichische FMA, dass 90 Prozent aller im Jahr 2021 veröffentlichten Investorenwarnungen betrügerisch tätige Handelsplattformen betrafen, auf denen Dienstleistungen im Zusammenhang mit Differenzkontrakten, binären Optionen oder Krypto-Assets angeboten wurden. FMA-Sprecherin Annemarie Bauer: „Auffällig ist, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der Investorenwarnungen im Zusammenhang mit Krypto-Assets getätigt werden.“

Vorher informieren

Umso wichtiger ist es, sich vor einem Investment in Kryptowährungen oder Wertpapiere auf Kryptowährungen genau zu erkundigen, ob der jeweilige Anbieter eine Konzession hat – und wenn ja, welche. Die österreichische Kryptobörse Bit­panda – exakter die Bitpanda Financial Services GmbH – etwa ist ein in Österreich konzessioniertes Wertpapierdienstleistungsunternehmen (WPDLU) und eine Wertpapierfirma (WPF). An der Wiener Börse sowie auch an anderen Börsen wie Frankfurt oder Zürich notieren einige ETPs, die den Kurs von Bitcoin und Co nachbilden und als Einstieg deutlich günstiger sind als ein Bitcoin selbst, der sogar auf dem aktuellen Preisniveau nicht unbedingt für „Kleinanleger“ gedacht ist. Ein Beispiel für ein solches ETP ist der in Wien notierte 21Shares AG Bitcoin ETP/S.ABTC oder der Bitpanda Bitcoin ETC, der ebenfalls in Wien notiert. Insgesamt bietet die Wiener Börse 13 Krypto-linked ETPs von neun Emittenten an. Anleger müssen sich allerdings bewusst sein, dass ETPs immer auch ein Emittenten­risiko haben. Das gilt allerdings auch für andere Wertpapierveranlagungen wie Anleihen, Schuldverschreibungen etc.

Glaubenskrieg

Abseits der aktuellen Kursausschläge hat sich die Veranlagung in Kryptowährungen wie Bitcoin aber längst zu einer Glaubensfrage entwickelt. So antwortete die US-Investmentikone Warren Buffett (91) jüngst auf der mittlerweile zur Legende gewordenen Aktionärsversammlung seiner Investmentfirma Berkshire Hathaway in Omaha (Nebraska) auf eine Publikumsfrage schnippisch: „Selbst wenn Sie mir sagen, dass Sie alle Bitcoins der Welt besitzen und mir für 25 Dollar verkauften, würde ich das ablehnen.“ Der Grund: „Was sollte ich damit tun?“

Ein Sakrileg für alle Krypto-Gläubigen. Für den umstrittenen Paypal-Gründer Peter Thiel, Trump-Unterstützer, in dessen Imperium seit Kurzem auch der österreichische Altkanzler Sebastian Kurz werkt, ist Warren Buffett ohnehin der Feind Nummer eins. Er, der „soziopathische Großvater aus Omaha“, wie Thiel ihn laut Medienberichten wenig charmant nannte, sei Teil der „Finanzgerontokratie“, die das Land beherrsche und sich der „revoluti­onären Jugend“ entgegenstelle. Gefallen sind die Worte kürzlich auf der Konferenz „Bitcoin 2022“, die Anfang April in Miami stattfand. Kurz darauf legte Eric Weinstein von Thiel Capital in einem Twittertweet nach: „Es ist daher an der Zeit, dass die revolutionäre Jugend ihre Feinde versteht und das Feuer erwidert.“

Zu diesem Zeitpunkt herrschte in Europa bereits seit rund einem Monat Krieg.   ←

„Mehr als die Hälfte der Investorenwarnungen erfolgte wegen Krypto-Assets.“

– Annemarie Bauer –

Sprecherin Finanzmarktaufsicht FMA

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