Diversity – Der neue Trend am Kunstmarkt

Avery Singer: „Happening“– das Rekordbild der The Now Evening Auction von Sotheby’s.

Die Preise für Werke zeitgenössischer Künstlerinnen sind in den vergangenen fünf Jahren um 66 Prozent gestiegen. Ihre männlichen Kollegen erzielten mit ihrem Schaffen nur 17 Prozent Preissteigerung. Vor allem junge Künstlerinnen erleben einen Hype.  Text: Eva Komarek

Das feministische Kollektiv Guerrilla Girls prangerte schon 1985 die Dominanz weißer Männer in der Kunstwelt an. Auf einem ihrer Plakate fragten sie, ob Frauen nackt sein müssten, um ins Museum zu kommen. Sie wiesen damals darauf hin, dass lediglich fünf Prozent der ausgestellten Künstler weiblich waren, die meisten Akte in den Museen jedoch weibliche Körper zeigten. Es dauerte lange, bis sich das Blatt zu wenden begann. Doch in den vergangenen 15 Jahren haben viele Frauen Führungspositionen im Kunstbetrieb übernommen und den Künstlerinnen mehr Gewicht ge­geben. Das spiegelt sich auch bei der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig wider. Es ist erstmals in der Geschichte eine Biennale der Frauen. In der von Cecilia Alemani kuratierten Ausstellung „The Milk of Dreams“ sind so viele Künstlerinnen ausgestellt wie noch nie zuvor. Dafür kassierte sie prompt Kritik. In Interviews nimmt sie sich kein Blatt vor den Mund und sagt ganz klar, dass die Gesellschaft sexistisch ist. Bisher hat die Biennale stets mehr Männer ausgestellt als Frauen. Darüber hat aber niemand ein kritisches Wort verloren.

Genderbewegung

Die Diversity- und Genderbewegung der letzten Jahre hat auch vor dem Kunstmarkt nicht haltgemacht. So erlangen Künstlerinnen quer durch alle Epochen mehr Anerkennung. Doch von Gleichstellung sind wir noch weit weg. Wirft man ­einen Blick auf die Zahlen, sind Künstlerinnen preislich immer noch weit abgeschlagen. Laut Contemporary Art Market Report 2021 der Kunstpreisdatenbank Artprice taucht im Künstlerranking nach Auktionserlösen die erste Künstlerin erst auf Platz 20 auf. Es handelt sich dabei um Cecily Brown. Unter den Top 50 befinden sich insgesamt nur drei Frauen, neben Cecily Brown sind das Dana Schutz und Avery Singer. Den Rekord für den höchsten Preis einer zeitgenössischen Künstlerin hält Louise Bourgeois mit ihrer Skulptur „Spider“ aus dem Jahr 1997, für die 2019 28 Millionen Dollar zugeschlagen worden sind. Die teuerste zeitgenössische Skulptur ist mit 91 Millionen Dollar eine Hasenskulptur des US-Künstlers Jeff Koons, ebenfalls 2019 erzielt. Aber die Dynamik zeigt stark nach oben. So belegt der Mei Moses Index, dass die Preise für Künstlerinnen in den letzten fünf Jahren um 32 Prozent gestiegen sind und damit das Wachstum für männliche Künstler um 29 Prozent übertrafen. Noch besser schaut es für die Preise zeitgenössischer Künstlerinnen aus, die in diesem Zeitraum um erstaunliche 66 Prozent gestiegen sind, während sie bei männlichen Künstlern nur um 17 Prozent zulegten.

Christina Quarles: erzielte mit „Night Fell Upon Us Up On Us“ ebenfalls einen Rekord.
Martha Jungwirth: Ihr unbetiteltes Werk aus dem Jahr 2011 erzielte im Vorjahr im Auktionshaus im Kinsky Bestpreise.

Der 2001 von den amerikanischen Professoren Michael Moses und Jianping Mei gegründete Index vergleicht Auktions­ergebnisse von mehrfach verkauften Kunstwerken und misst damit Tendenzen im Kunstmarkt im Vergleich zu anderen Anlageklassen.

Generationswechsel

Besonders die junge Generation erlebt am Markt gerade einen Hype. Bei den ab 1975 Geborenen liegt die erste Künstlerin im Artprice-Ranking für 2021 immerhin auf Platz vier. Es handelt sich um Avery Singer. Diese Entwicklung hat auch das führende Auktionshaus Sotheby’s erkannt und bei den Frühjahrsprestigeauktionen in der „The Now Evening Auction“ zum ersten Mal mehr Künstlerinnen als Künstler in die Versteigerung genommen. Knapp 60 Prozent der Lose stammen von Frauen. Die Auktion wurde sogar mit zehn auf­einanderfolgenden Losen von Frauen eröffnet. Wer sich im Auktions­geschäft auskennt, weiß, dass die Eröffnungslose in der Regel den Werken vorbehalten sind, von denen sich die Experten die größten Bietgefechte erwarten. Und die Rechnung ging auf. Die Auktion war ein sogenannter White Glove Sale – was bedeutet, dass alle Lose verkauft wurden. Unter den zehn höchsten Zuschlägen waren vier von Künstlerinnen: Avery Singer, die für ihre Arbeit „Happening“ mit 5,3 Millionen Dollar einen neuen Rekord erzielte, Julie Mehretu, Christina Quarles, die mit 4,5 Millionen Dollar für „Night Fell Upon Us Up On Us“ ebenfalls einen Rekord verbuchte, und auch Jennifer Packer verbuchte mit einem Höchstbot von 2,3 Millionen Dollar für „Fire Next Time“ einen neuen Höchstpreis. Neben diesen Ladys sollte man in der jungen Genera­tion noch die Namen Toyin Ojih Odutola, Flora
Yukhnovich und Jadé Fadojutimi im Auge behalten, die ebenfalls zu den Rising Stars am Kunstmarkt gehören.

Österreicherinnen sind dünn gesät

Und wie reüssieren österreichische Künstlerinnen im internationalen Geschehen? Während es zahlreiche Galerien gibt, die sich beherzt um das Werk von Künstlerinnen bemühen, spielen am internationalen Markt nur eine Handvoll mit: Maria Lassnig, VALIE EXPORT, Martha Jungwirth, Eva Schlegel, Renate Bertlmann und Brigitte Kowanz. Noch ernüchternder sieht es aus, wenn man sich die internationalen Auktionen ansieht, denn da bleibt nur noch Maria Lassnig übrig. Und selbst ihre Arbeiten erzielen die Rekorde in Österreich, wie zuletzt das Großformat „Wilde Tiere sind gefährdet“, das im Juni 2021 im Dorotheum für 1,4 Millionen Euro den Besitzer wechselte. Martha Jungwirth und VALIE EXPORT sollte man unter Beobachtung halten, haben doch beide Damen zur Galerie Thaddaeus Ropac gewechselt, die international in der Oberliga mitmischt. So widmet Ropac Jungwirth in seiner Galerie ab 1. Juni ihre bisher größte Einzelausstellung in London. Auf dem Auktionsmarkt wurde auch ihr Weltrekord mit Heimvorteil erzielt: Das Auktionshaus im Kinsky verbuchte im Vorjahr für ein unbetiteltes Werk von 2011 mit 197.000 Euro einen neuen Höchstpreis.   ←

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