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Handwerkskunst – Das Glück ist ein Baumelhaus

Bernhard „Benni“ Obex baut mit seiner Firma Naturidea begehbare und bespielbare Installationen aus Massivholz. Sogar in Südkorea und den USA ist man schon auf die Hybride aus Kreativität, Kunst und solidem Tiroler Handwerk aufmerksam geworden. Text: Paul Billisich

Üblicherweise beginnen Artikel über Benni Obex mit Tirol. Und mit Holz. Viele der über die Grenzen des heiligen Landes bekannt gewordenen Projekte findet man in seinem Heimatbundesland – etwa den Stubaitaler Baumhausweg: An der Mittelstation der Kreuzjochbahn im Ski- und Wandergebiet Schlick 2000, gelegen unter den Kalkkögeln in Fulpmes, steht „Bardin“. Ein Zwerg mit einem Namen wie aus Tolkiens Mittelerde. In dem Fall aber aus Holz. Der Zwerg markiert den Eingang zu einem rund fünftausend Quadratmeter großen Waldgebiet, durch das ein Weg zwischen Erdboden und Baumwipfeln auf einer leicht begehbaren und kinderwagentauglichen Strecke führt. Auf der etwa zweistündigen Wanderung von der Mittelstation bis Vergör und wieder retour werden knapp 100 Höhenmeter bewältigt. Mehr, wenn man am Weg eines der sieben Baumhäuser – allesamt selbstverständlich Zwergenwohnungen, Zwergenküchen oder Zwergenschatzkammern – besteigt. „Die ortsansässige Erlebniswerkstatt Naturidea setzte das Konzept mit viel Liebe zum Detail aufwendig um“, berichtet der Tourismusverband Stubai Tirol, der Betreiber des Weges.

Man ist also versucht, hinter der Erfolgsstory des Ortsansässigen auch etwas Mystisches zu vermuten, etwa, dass dem jungen Benni ein Zwerg über „das Holz“ schon etwas zugeflüstert haben muss und ihn verführt hat. Die Wahrheit ist etwas profaner: Die Berufswahl Zimmerer und Tischler hat mit dem Handwerk seines Vaters zu tun. „Der war Koch“, sagt Benni Obex im Gespräch. „Und hat mir gesagt: ,Du derfsch alles machen, nur nit Koch werdn.‘“ Er lacht und sagt dann: „Aber ich bin naturverbunden aufgewachsen und habe immer schon Baumhäuser gebaut. Ich hatte schon den Drang, auch beruflich im Freien und in der Natur zu sein. Daraus habe ich mir einen Job kreiert – zwischen Tischlerei, Zimmerei und auch der Kunst. Die spielt ebenfalls eine Rolle für mich.“

Kunst mit Mehrwert: Viele Naturidea-Projekte eignen sich auch als Spielplätze, wie etwa das sechs Meter hohe begehbare Mammut mit Stahlrutsche am Stubaitaler Gletscher.

Kunst trifft Handwerk

Hier muss man dann nachfragen: Beruf, Berufung oder Kunst? Obex: „Ich sehe es als meine Aufgabe, beides zu vereinen, auf der einen Seite die Kunst, auf der anderen das Handwerk in höchster Qualität. Ich sehe mich auch als jemand, der Künstler schützt, der Kunst aber auch umsetzbar macht. Ich nehme Künstlern gewisse finanzielle Risiken ab, mein Team kann dann aber frei sein und die Kreativität voll umsetzen.“

Also nicht Koch. Und Küchen montieren und Türstöcke einpassen, wie es viele Tischler tun? „Nein. Die Entwicklung des Handwerks war nicht mein Fall, auch von den Materialien her nicht. Wir arbeiten bei Naturidea nur mit Massivhölzern. Ich wollte auch immer Unikate bauen – aus Naturmaterialien. Oder etwas bauen, was noch nie jemand gebaut hat, wie das Baumelhaus, eine Erfindung von uns, ein Haus zwischen vier Bäumen oder Masten. Mit dem ist alles losgegangen, wir haben den ersten Prototyp in einem Eigenwald gebaut und zehn Jahre hängen gehabt. In der Zeit sind dann alle möglichen Baumhausmodelle und Spielplätze entstanden.“

Eine Hirschgeweih-Schaukel vor dem Alpenzoo in Innsbruck, ein riesiges begehbares Mammut aus Holzschindeln mit einer Stahlrutsche als Rüssel am Stubaitaler Gletscher, ein Spielplatz in Fulpmes, benannt nach Clemens Holzmeister, dem in Fulpmes geborenen Weltklasse-Architekten mit dem passenden Namen, das sind nur einige der bemerkenswerten Projekte von Naturidea. Woher stammen die Ideen für Derartiges? Obex: „Meistens ist es so, dass Kunden anfragen, weil sie irgendwo eines unserer bisherigen Objekte gesehen haben. Der Kunde hat oft eine gewisse Grundidee, wir kommen dann hin und planen mit der Natur, mit dem Standort, mit dem Platz. Die Installation sollte zu dem Ort hinpassen. Die Entwürfe entstehen dann im Team. Wir sind zehn Leute bei Naturidea. Wir haben die Vision, die Idee, das Konzept, wir machen die Planung, wir setzen das Projekt um, mit Nachbetreuung, Wartung, TÜV-Abnahmen, bei lebenden Bäumen jährliche Überprüfung.“ Kunden seien Firmen, Tourismusverbände, Gemeinden, immer mehr die Hotellerie, Privatpersonen eher weniger.

Mehr Einklang mit der Natur geht nicht: Das von Naturidea erfundene Baumelhaus ist aus Holz, versiegelt keine Böden und fügt sich in die Landschaft ein.

Gesundheit vor Reichtum

Benni Obex hat sich im Jahr 2006, mit 23 Jahren, mit seiner Firma Naturidea e.U. als Einzelunternehmer selbstständig gemacht. „Das hat sich eben so ergeben“, sagt er heute, 18 Jahre später. Auf die Frage, ob ihn jemals Profitstreben getrieben habe oder ob es in Ordnung sei, einfach ausreichend Geld zu verdienen, antwortet er: „Ausreichend ist der springende Punkt. Wir sind nicht so gewinnorientiert, dass wir uns gegenseitig auf die Schulter klopfen, wenn wir dreißig Prozent mehr Gewinn als letztes Jahr machen, das Kriterium ist eher, dass alle Mitarbeiter anständig bezahlt werden und Naturidea ,a bisserl was‘ bleibt, um zu investieren und sich gesund zu entwickeln.“

Die nächsten Projekte sind bereits auf der Werkbank beziehungsweise als Konzept fertig: „In Gurgl machen wir ganz etwas Neues, da setzen wir das Konzept Waldbaden um: in einem Zirbenwald auf 2.000 Metern Seehöhe, wo wir unterschiedliche Holzbadewannen und Baumhäuser in den Wald legen. Auftraggeber ist der Tourismusverband Ötztal. Für den Baumhausweg im Stubaital, der sehr erfolgreich ist, wird es nächstes Jahr eine Erweiterung geben. Zwei spannende Projekte in der Konzeptphase sind Sommer Arlberg und Sommerbespielung Madonna di Campiglio. Möglich ist auch eine Erweiterung des Spielplatzes beim Alpenzoo in Innsbruck.“

Naturidea hat vor zwei Jahren in Fulpmes ein neues Büro und eine neue Produktionshalle mit Außenlager gebaut – also eine neue eigene Betriebsstätte errichtet: „Wir haben die Coronazeit genutzt. Dafür haben wir einen Finanzierungspartner gebraucht. Bei den Projekten selber rechnen wir ab, wie es am Bau üblich ist: Mit Auftragsvergabe werden die ersten Zahlungen fällig und dann wird in Etappen abgerechnet, bis 20 Prozent übrig sind – und nach der TÜV-Abnahme wird dann die Schlussrechnung gestellt.“

Baumhäuser für die ganze Welt

Wenn schon Wachstum angestrebt werde, dann vor allem qualitativ, betont Obex. Trotzdem gab es auch schon Schritte weit über die Grenzen der Heimat hinaus: „Wir haben in Südkorea ein Baumhaus gebaut, wir haben einen Geschäftspartner in Amerika, auch in Italien machen wir relativ viel.“ Es hilft die weltbekannte Fremdenverkehrsdestination Tirol: „Wir haben in Tourismusregionen schon sehr viel umgesetzt. Unsere Projekte sind die beste Werbung. Unsere Homepage läuft seit drei Jahren in fünf Sprachen.“ Und wo sieht der Stubaitaler Obex seine Firma in fünf Jahren? „Immer noch gesund und ideenreich. Und glücklich. Das wäre das Ziel.“