Urlaub bis zum Untergang – Swimmingpool statt Dosenbrot

„Die Leute machen sich mehr Gedanken über Schutzräume und Vorräte.“ – Manfred Schuster – Geschäftsführer und Eigentümer von SEBA

Pandemie, Ukraine-Krieg, Klimawandel, Blackout-Warnungen – das Leben erscheint zunehmend lebensgefährlich und Prepping wird zum Alltag. Auch die Wohlhabendsten sorgen für das Ende vor: mit Luxusherbergen und Bunkern am Ende der Welt.  Text: Leo Szemeliker

Der Weltuntergang ist ein Kulturphänomen. Und ein Wirtschaftsfaktor. „Blackout – morgen ist es zu spät“, der Stromausfall-Thriller des Autors Marc Elsberg ist zehn Jahre nach seinem Erscheinen noch immer das meistverkaufte Buch des Genres auf Amazon. Es beschreibt einen Zusammenbruch des Stromnetzes in Europa, mit Technikern, Terroristen, Journalisten, Polizisten verwoben in ein Verschwörungsnetzwerk. Mittlerweile wurde das Buch mit Moritz Bleibtreu als Serie verfilmt.

Oder: Die TV-Serie „The Walking Dead“ über eine Zombie-Apokalypse in den USA mit einem rätselhaften Virus als Ursache gilt nach zwölf Jahren Laufzeit als eine der erfolgreichsten TV-Serien weltweit, mit satten Budgets zwischen zwei und vier Millionen Dollar pro Folge. Interessant dabei: Die Dramatik schöpfte die Serie zunehmend weniger aus dem Versuch der Überlebenden, sich dem Biss
eines Untoten zu entziehen, sondern vielmehr aus der Gefahr, die Menschen für­einander darstellen, wenn Ressourcen knapper werden.

Das Überleben in einem feindlichen, chaotischen und tödlichen Umfeld ist eine menschliche Grunderzählung, die tief im kollektiven Unterbewusstsein verankert ist. „Overcoming the Monster“, das Besiegen einer übermenschlichen Bedrohung, ist eines der Narrative, die sich über Jahrtausende gehalten hat, vom „Gilgamesch“-Epos über Homers „Ilias“ und „Der Herr der Ringe“ bis zu „Der Weiße Hai“, „Star Wars“, „Godzilla“.

Zeitenwende

Vor zwei Jahren wurde der Menschheit klar, dass auch die Realität „Monster“ hervorbringen kann – unsichtbare im konkreten Fall. Das Coronavirus verursachte zu Hause eingesperrte Familien, überfüllte Intensivstationen, leere Hotels, gegroundete Flugzeuge und stillstehende Produktionslinien. Und dann kam ein Krieg in Europa. 2022 haben viele das Gefühl: die Herrschaft über den Planeten, planbares Leben, alles Illusion.

Prepper haben das schon immer gewusst. „To prep“, amerikanische Kurzform für „to prepare oneself for the worst“, sich auf den Doomsday, den Tag des Untergangs, vorbereiten. Sie galten als Spinner. Paranoiker. Manchmal Extremisten. Und jetzt, angesichts der Pandemie, des Klimawandels, des Kriegs in der Ukraine? Eine Institution der Vernunft, wie die deutsche „Zeit“ schreibt: „Prepper galten lange als Sonderlinge. Aber sie haben Antworten auf Fragen, die jetzt viele beschäftigen.“ Vorbereitet zu sein, wird mehr und mehr eine Frage der Vernunft, weniger eines Verfolgers. Manfred Schuster, Geschäftsführer und Eigentümer des oberösterreichischen Schutzraumausrüsters SEBA, sagt: „Ja, die Leute machen sich mehr Gedanken – über Bevorratung, aber auch über die Einrichtung oder Umrüstung von Schutzräumen.“ Bis vor 30 Jahren habe es noch länderspezifische Vorgaben in Österreich gegeben. Die Bauordnungen der 70er-Jahre hatten vorgesehen, dass in Einfamilienhäusern Luftschutzkeller vorhanden sein müssten, in die man sich im Fall einer atomaren Katastrophe zurückziehen könnte. Mit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden die Vorschriften. „Jetzt kommen wieder vermehrt Anfragen zu Nachrüstungen“, so Schuster. Seine Firma plant, berät und baut Räume um, mit Lüftungsanlagen, verstärkten Wänden, allenfalls mit Türen aus Stahlbeton. So sei man geschützt gegen nukleare Strahlung, biologische oder chemische

Kampfstoffe oder Explosionen. Bei einem Blackout hätte man zudem einen „Rückzugsraum“. Richtig eingerichtet mit Wasser aus Flaschen und Nahrung aus der Dose, könne man bis zu zwei Wochen ohne Versorgung von außen durchhalten. Sollte gerade kein Stromausfall oder ein nuklearer Unfall stattfinden, ist es auch „kein verlorener Raum“, so Schuster. Menschen, die einen Schutzraum eingerichtet haben, nutzen diesen auch als Weinkeller, Hobbyraum oder einbruchssicheres Lager. Die Kosten? „Für 15 Quadratmeter circa 18.000 Euro in der Standardvariante – für viele ist es überraschend, dass das gar nicht so teuer ist“, so Schuster. Die 750-Kilo-Panzertüren kosten aber 4.000 Euro extra. Jedenfalls: „Es ist wie bei einer Versicherung: Man ist froh, dass man sie hat, aber nicht braucht“, so das nüchterne Verkaufsargument.

Ein Trend in den USA sei, so liest man, Schlafzimmer in Festungen umzubauen. Die Firma FBS aus dem Süden Floridas etwa, wo viele betuchte Amerikaner Erst-, Zweit- und Drittwohnsitze haben, wirbt auf ihrer Website mit dem Slogan: „Turn your bedroom into a sanctuary“ – als Alternative zu „panic rooms“ im Keller. Nach Anekdoten über Einbrüche und Home-Invasions bei Taylor Swift und
Keanu Reeves beschreibt FBS, worum es geht: um Sicherheitsfenster, Panzertüren, die neuesten biometrischen Schlüsselsysteme sowie um einen kugelstoppenden Wandanstrich aus Schaumstoff namens BallistiCrete. Man beachte: Der Markenname ist ein Kofferwort von „ballistic“ (die Lehre vom Schießen) und „discreete“ (diskret, unauffällig). Auf BallistiCrete können Bilder wie auf jeder anderen Wand aufgehängt werden, wird versichert, alle Innenarchitekturpläne der Hausherrin bleiben also unangetastet.

Bunker mit Kinosaal

Wirklich Superreiche verstärken hingegen nicht nur ihr Appartement in Palm Beach, sondern kaufen sich ein Anwesen am Ende der Welt. Die texanische Firma Rising S Bunkers („We don’t sell fear, we sell pre­paredness“) hat laut eigenen Angaben zuletzt ein Dutzend private Bunker in Neuseeland installiert – mit Kosten von im Schnitt drei Millionen Dollar. Teurere hätten Zusatz­features wie Luxusschlafzimmer, Spielzimmer, Schießstände, Fitnessräume, Kinosäle und Operationstische.

Als Pionier des Milliardärspreppings auf Neuseeland gilt Peter Andreas Thiel, ein in Deutschland geborener US-Milliardär, Paypal-Mitbegründer, Facebook-Investor, Militär-Software-Entwickler, ein Donald-Trump-Unterstützer und Sebastian-Kurz-Arbeitgeber.

Die Kiwi-Inseln finden sich auch in einer im Vorjahr publizierten Studie der Anglia Ruskin University in Cambridge (UK) auf einer „Shortlist“ von Ländern, die als Rückzugsgebiet im Falle einer „global de-complexification“, also eines weltweiten Zusammenbruchs der menschlichen Zivilisation, am sichersten wären: Neuseeland, Island, die Britischen Inseln, Tasmanien (Australien) und Irland.

Sam Altman, einer von Peter Thiels „best buddies“ aus dem Silicon Valley, hatte schon 2016 dem „New Yorker“ erzählt, dass er sich mit Thiel ausgemacht habe, dass sie im Fall eines systemischen Zusammenbruches – sei es ein Virus, eine übergeschnappte künstliche Intelligenz oder der Atomkrieg – in einen Privatjet springen und nach Neuseeland fliehen würden. Reid Hoffman, Ex-Kollege von Thiel bei PayPal und Co-Gründer von LinkedIn, erzählte: „Wenn man sagt, man kauft ein Haus in Neuseeland, dann ist das eine Art von … – ,zwinker, zwinker‘. Mehr muss man nicht mehr sagen.“

Thiel ist seit 2017 auch Staatsbürger von Neuseeland, obwohl er so gut wie nie im Land gesehen wird. Schon 2011 sagte er in einem Interview, dass er „kein anderes Land kennt, das mehr mit meinen Vorstellungen der Zukunft einhergeht als Neuseeland“.

Seine Staatsbürgerschaft, der massives Lobbying und Investitionsversprechen vorausgegangen waren, wurde in Neuseeland sehr kritisch kommentiert. Der „NZ Herald“ schrieb etwa: „Peter Thiel is an internet oligarch who believes in a state­less world free of regulation or limits on human endeavour.“

Milliardär Thiel hat sich jedenfalls in Neuseeland in einer entlegenen Berggegend ein großes Stück Land gesichert. Er wolle in Wanaka, in der Nähe von Queenstown auf der südlichen Insel, Lodges für bis zu 24 Gäste auf mehr als 70.000 Quadrat­metern errichten – inklusive eines Rückzugsraums für Thiel selbst, so neusee­ländische Medien. Die Behörden des Inselstaates hätten schwere Bedenken, heißt es. Aus Umweltschutzgründen.

Doomsday in Kitzbühel

Umstritten war auch 2019 schon ein Chalet-Projekt am Pass Thurn, der Kitzbühel in Tirol und Mittersill in Salzburg miteinander verbindet. Es nennt sich „Six Senses – Twic Gardens“, wurde von einem lokalen Baumeister und Seilbahnunternehmer initiiert und soll von einer thailändischen Hotelgruppe betrieben werden. Es gab Proteste von Umweltschützern, Eklats bei Medienterminen, das Projekt kam in die Negativschlagzeilen, auch weil es Käufern einen „Gratis“-Elektro-Porsche versprochen hatte, den es dann nie gab. Jetzt versuchen die Betreiber den Neustart. Slogan: „The World Is Chang­ing“. Man wolle jetzt ein „geschütztes Refugium, eine autarke Arche Noah, die den Fokus auf Unabhängigkeit und Sicherheit legt“, bieten. „Blackout-Gefahr: Kitz baut Doomsday-Siedlung für Reiche“ titelte die Boulevardzeitung „Heute“.

Auch der reichste Österreicher nennt ein Rückzugsgebiet fernab von allem sein Eigen: Die 1.400 Hektar große Insel Laucala, gehörig zur Inselrepublik Fidschi im Südpazifik, mehr als 2.000 Kilometer nördlich von Neuseeland, hat Red-Bull-Miteigentümer Dietrich Mateschitz bereits 2003 von den Erben des Verlegers Malcolm Forbes erworben. Zuletzt er­öffnete dort die Luxusherbergen-Gruppe Como Hotels 25 Residenzen „in einer Eden-gleichen Umgebung“, zu buchen für 5.600 Euro pro Person und Nacht. Wie atombombensicher die Anlage ist, erwähnt die Website nicht. Aber das Internet vergisst nie. So findet sich in einem Prospekt des Resorts aus dem Jahr 2008 Folgendes: „Wir sind nicht nur ein Resort – wir legen großen Wert auf einen ganzheitlichen Ansatz der Selbstversorgung, indem wir Obst und Gemüse auf unseren eigenen Farmen anbauen, Geflügel- und Rinder züchten, eigenen Honig herstellen und das reinste vulkanische Mineralwasser abfüllen sowie unsere eigenen Brote backen.“

Bereit für den Untergang

Die Prepper-Szene war ein Magnet für Verschwörungstheoretiker – bis hin zu Rechtsextremen und Staatsfeinden. Prepper-Vereine versuchen sich abzugrenzen und verweisen auf „schwarze Schafe“. Die Szene sei vielschichtig und schwer zu greifen, so die Autorin Gabriela Keller im 2021 erschienenen Buch „Prepper – bereit für den Untergang“: „Preppen mag vielen als skurriles Hobby erscheinen. Tatsächlich spiegeln sich in der Szene die sozialen Ängste des Mittelstandes in einer zunehmend vernetzten, digitalisierten und globalisierten Gesellschaft.“ Was die Prepper eine: Sie hätten kein Vertrauen in staat­liche oder gesellschaftliche Strukturen. Manche horten nicht nur Dosen, sondern auch Waffen. Bei manchen fragt man sich: Wird die Dystopie, auf die man sich
vorbereitet, nicht vielleicht sogar innerlich herbeigesehnt? Oder sogar aktiv herbeigeführt?

Raus aus der Obskuranten-Nische

Ein großer Anbieter von Prepperartikeln wie Überlebensrucksäcken, Wasseraufbereitern und Survival-Handbüchern ist etwa der deutsche Kopp-Verlag, der vor allem bekannt wurde, weil er rechtsextreme, esoterische, pseudowissenschaftliche, verschwörungstheoretische, revisionistische Bücher à la „Adolf Hitler – eine Korrektur“ prominent in Programm führt. Aber eben auch Bücher wie „Kochen ohne Strom“ oder „Das Lexikon des Überlebens“.

Das systematische Vorbereiten auf Ernstfälle bewegt sich derzeit etwas aus dem Obskuranten-Eck. Besorgte Mütter beginnen, Mineralwasser und Dosen einzulagern. Der deutsche Kulturwissenschaftler Julian Genner sagte in einem „Spiegel“-Interview, dass der durch Pandemie, Ukraine-Krieg und Extremwetterereignisse hervorgeru­fene Prepper-Boom auch einen deeska­lierenden Effekt haben könnte. „Bislang halten sich viele in der Szene für eine Art Wissenselite, die dem Rest der Bevölkerung mit Blick auf die Bewältigung einer möglichen Krise voraus ist. Aber jetzt wird die Beschäftigung mit Krisenvorsorge vielleicht gewöhnlicher, Preppen als Hobby könnte den Nimbus des Exotischen und damit auch an Reiz verlieren.“   ←

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