Prickelnde Geschäfte

assets Magazin: Prickelnde Geschäfte bei Kattus

In der Wiener Sektkellerei Kattus bringt bereits die fünfte Generation Konsumenten auf den Geschmack. Jener Familienbetrieb forciert Tradition, Innovation und Qualität – auch als Mittel gegen Billigware ausländischer Konkurrenz.

Organisatorische Hürdenläufe sind hier keineswegs an der Tagesordnung. Mitarbeiter müssen weder Reporting-Marathons absolvieren noch durch einen Zuständigkeitsdschungel irren. Vielmehr dominiert das Prinzip der kurzen Wege. Entscheidungen fallen rasch, Mitarbeiter stehen vor offenen Türen, Projekte wandern nicht auf die berüchtigte lange Bank. Im Gegensatz zu internationalen Konzernen oder Unternehmen im Besitz anonymer Investoren sind Familienbetriebe um den Tick flexibler. So wie Kattus.

Johannes Kattus, der gemeinsam mit seiner Schwester Sophie als bereits fünfte Unternehmensgeneration aktuell im Brandmanagement tätig ist, kennt den Unterschied aus erster Hand. Praktische Erfahrungen sammelte der junge Nachkomme nämlich vor dem heurigen Einstieg in die Wiener Sektkellerei. Bei der Münchner Filiale des Getränkemultis Moët Hennessy laufen die internen Uhren anders. „Dort wird klar, dass bei einem großen Konzern vieles komplizierter ist durch Richtlinien, Compliance oder hierarchische Strukturen“, unterstreicht der 26-Jährige.

Derartige Szenarien waren 1857 in der Wirtschaft noch gänzlich unbekannt. In diesem Jahr gründete dafür Johann Kattus Am Hof 8 im ersten Wiener Gemeindebezirk seine Spezereiwarenhandlung für Wein, Kaffee, Südfrüchte, Spirituosen, Champagner und Tee. Der steile ökonomische Höhenflug begann im Zuge zahlreicher Geschäftsreisen, von denen eine nach Astrachan führte. Diese russische Stadt am Kaspischen Meer gründete ihre Reputation hauptsächlich auf einem begehrten Luxusprodukt: Kaviar. 

assets Magazin: Kattus Sekt
assets Magazin: Kattus Sektkellerei

Adelige Abnehmer

Der Geschäftsmann erkannte die Chance und eröffnete vor Ort eine Faktorei. Jenes High-Class-Objekt war auch im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht nur eine Neuheit. Sondern höchst rar. Wer den Geschmackstest anstrebte, musste also logistisch topfit sein. Was dem gebürtigen Schwaben in die Hände spielte, der bald königliche und kaiserliche Höfe auf dem alten Kontinent versorgen durfte. Zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich sein Handelshaus zu einem weltweit führenden Anbieter.

Was 1898 die Verleihung des Titels k. u. k. Hoflieferant durch Kaiser Franz Joseph bestätigte. Johann Kattus verstarb jedoch im folgenden Jahr, der Titel erlosch mit ihm. Die Verantwortung lag nun endgültig bei Sohn Johann Nepomuk Kattus. Dieser war bereits vor Jahren als Teilhaber in die Geschäftsagenda eingestiegen. Dort bewies der Filius so wie sein Vater den familientypischen Pioniergeist und setzte einen folgenreichen Schritt: Als begeis­terter Winzer startete er 1890 die Sekterzeugung. 

„Es war schon damals ein Getränk für spezielle Momente, wurde aber mehr geschätzt als heute“, weiß Johannes Kattus. Was nicht immun machen konnte gegen das Ende der Monarchie und die Auswirkungen von militärischen Konflikten. Der Betrieb durchwanderte ökonomische Täler in Zeiten, wo Luxus ein nebuloses Wort darstellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Brüder Johann, Josef und Franz Kattus vor einer schweren Aufgabe. Die dritte Generation musste das Schiff auf Kurs bringen und das Produkt in einer neuen Ära mit altem Glanz ausstatten. 

Billige Konkurrenten

Doch Herausforderungen sind jener Familie ohnehin kaum fremd, die Tradition, Innovation und Qualität auf ihr Banner geschrieben hat. Nach dem EU-Beitritt Österreichs etwa wurde rauer Gegenwind spürbar. Damals sah sich der Hersteller mit entschlossener Konkurrenz von der Geiz-ist-geil-Schiene konfrontiert. Die Regale der Händler lockten mit immer mehr Produkten speziell aus Deutschland und Italien, die über billige Preise punkten wollten. Seither ist die Intensität des Wettbewerbes wenig gesunken, das Ringen um Kundengunst erfordert geschäftliche Kondition.

Kattus hat trotzdem jeglicher Versuchung widerstanden, in der einträglichen Diskontliga mitzumischen und damit die Marke zu verwässern. Vielmehr wird auf positiven Patriotismus aus der Flasche verwiesen. „Es ist für ein kleines Unternehmen aus Wien nicht immer einfach, sich gegen ausländische Waren um fünf Euro Verkaufspreis  durchzusetzen. Wir möchten trotzdem jeden Konsumenten überzeugen, heimische Erzeugnisse zu kaufen. Deshalb sprechen wir mit unserem breiten Portfolio auch die verschiedensten Zielgruppen an“, sagt Johannes Kattus.

Für die Gunst der Zielgruppen gehen die Akteure oft jene beruflichen Meter mehr, die über Top oder Flop mitentscheiden können. Neben Werbeinvestments, die ausreichend öffentliche Wahrnehmung garantieren sollen, ebnet persönlicher Einsatz den Absatzboden. „Zu Kunden und Gastronomen gehen keineswegs nur unsere Mitarbeiter. Mitglieder der Familie sind ebenfalls dabei“, betont die 32-jährige Sophie Kattus. „Gerade das macht uns als Familienbetrieb greifbar und stärkt geschäftliche Beziehungen. Eigentlich ist es ein Alleinstellungsmerkmal.“

assets Magazin: Kattus Sekt Wien

Mutige Veränderung

Gute Kontakte gelten nicht als einziger probater Treibstoff für die kommerzielle Überholspur. Frischer Wind und der Mut zur Veränderung stärken ebenso die Firmen-DNA. Jenen Weg haben ab 1992 der neue Geschäftsführer Ernst Polsterer-Kattus und seine Frau Maria Polsterer-Kattus beschritten. Reformen wurden in dieser Dekade nötig, nicht zuletzt auch in der Außendarstellung, um für neuen Schwung zu sorgen. Kattus präsentierte sich und seine Produkte näher am Puls der Zeit, vitaler und dynamischer.

Was dazu beigetragen hat, das Korsett vom Genussmittel spürbar zu lockern, das nur zu Silvester, Weihnachten und bei
Geburtstagen salonfähig ist. Heute schaut längst niemand mehr verwundert, sollte ein Glas Sekt zum Essen oder nach dem Meeting auf dem Tisch stehen. Das Gespür für richtige Entscheidungen im richtigen Moment wurde konserviert, illustriert jetzt auch „Kattus Organic“, der erste Biosekt aus der Döblinger Billrothstraße. Jene Spezialität wird mit Grüner-Veltliner-Trauben hergestellt, der Grundwein stammt von Weinviertler Biowinzern. Hefe und Zucker entsprechen gleichermaßen den hohen Standards. 

Die Chancen solcher Kreationen stehen natürlich gut in Zeiten, wo Themen wie Umweltschutz, Klimawandel oder soziale Verantwortung mehr bewegen als je zuvor. An Glaubwürdigkeit mangelt es keineswegs. Kattus hat auf Nachhaltigkeit gesetzt, als der Begriff wie eine exotische Zierpflanze beäugt wurde. Auch Rücksichtnahme auf die Natur stand immer im Blickfeld bei der Zusammenarbeit mit Winzern. Ökologisches Handeln sowie regionale Verbundenheit bedeuten mehr als ein Lippenbekenntnis.

Rasche Reaktionen auf relevante Trends, neue Produkte andenken,  Mitbewerber auf Distanz halten – vor dem Knallen der Korken müssen sich die Verantwortlichen ordentlich ins Zeug legen. Gerade in Familienbetrieben macht das Business-Abenteuer selten Pause. „Die Arbeit ist eigentlich nie wirklich zu Ende. Selbst in den eigenen vier Wänden hat man immer Gedanken an den nächsten Tag oder das nächste Projekt. Oder die Familie diskutiert am Sonntag beim Lunch über neue Ideen. Abschalten fällt natürlich schwer“, bestätigt Sophie Kattus. Nachsatz: „Das beweist gleichzeitig starke Verbundenheit auch und den Spaß, in einem solchen Unternehmen tätig sein zu dürfen.“

assets Magazin: Sektkellerei Kattus Wien

Sportlicher Ausgleich

Beide Youngster agierten auch von einer privilegierten Position aus. Seitens der Eltern erfolgte nämlich kein Druck, in den Betrieb einsteigen zu müssen. Was in so mancher vergleichbaren Dynastie ein schöner Traum bleibt. Der vielleicht zum Albtraum mutiert, wenn plötzlich individuelle Wünsche hinter familiären Sachzwängen verschwinden. Es war also eine freie Entscheidung des Duos, getragen von ausgeprägtem Interesse an der Materie, heute quasi das Sektkellerei-5G zu bilden. Mit der alles andere als unwahrscheinlichen Perspektive, in der Zukunft am Steuerhebel dieses Unternehmens zu sitzen. Anstrengend ist der Job für die beiden designierten Führungskräfte auch schon heute. Für Ausgleich wird aber gesorgt, Kattus ist eine sportliche Familie. Tennis, Golf oder Schifahren sind daher ein wichtiger Teil der Work-Life-Balance. Damit die Fitness für den beruflichen Alltag nicht an das Limit stößt. Geografische Grenzen könnten hingegen zum Thema avancieren. Expansionsversuche hat es gegeben, etwa nach Deutschland, Griechenland oder Japan – mit mehr oder weniger großer Resonanz. „Weitere Anläufe sind vorstellbar. Österreichischer Wein hat international an Bedeutung gewonnen, warum sollte Sekt nicht ebenfalls Fuß fassen“, hofft Johannes Kattus.

Der Jungmanager will aber im Zuge seiner Rückkehr nicht nur im Sekt-Business reüssieren. Geplant ist ebenfalls ein Prestigeprojekt in der Immobilie Am Hof 8, die Inspiration dazu stammt von den Studienjahren in London. 

Nach dem Auszug des aktuellen Mieters, der Managementberatung Boston Consulting Group, soll hier ein exquisiter Treffpunkt seine Pforten öffnen: ein Members Club in bester britischer Tradition, jedoch ohne stocksteife Konversation und museal verstaubte Regeln. Denn Frauen sind gleichfalls willkommen bei dieser Plattform für Networking sowie Socialising, die prizipiell jedem Interessenten offen steht. Eine Vorliebe für Sekt dürfte dennoch kaum schaden.   ←

Die Kattus-Chronik

1857: Gründung der Spezereiwarenhandlung durch Johann Kattus in Wien.

1880: Kattus entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einem weltweit führenden Kaviarhändler.

1890: Start der Sekterzeugung durch Sohn Johann Nepomuk Kattus.

1898: Verleihung des Titels k. u. k. Hoflieferant.

1899: Nach dem Tod von Johann Kattus übernimmt Johann Nepomuk Kattus den Betrieb.

1945: Nach dem Zweiten Weltkrieg führen die Brüder Johann, Josef und Franz Kattus den Betrieb in bereits dritter Generation durch wirtschaftliche Krisenzeiten.

1992: Ernst Polsterer-Kattus leitet jetzt als Geschäftsführer das Unternehmen mit seiner Frau Maria ­Polsterer-Kattus. Erstmals wird der Frizzante auf dem österreichischen Markt gelauncht.

1992–2009: Aufnahme neuer Vertriebsprodukte und Verlust von Vertriebsmarken bzw. der zugehörigen Joint Ventures. 

2009: Die Marke Hochriegl wird an den Mitbewerber Schlumberger verkauft. Der Preisdruck im Einstiegsbereich für Austro-Sekt mit Flaschengärung wird zu groß. Der Deckungsbeitrag pro Flasche ist nicht mehr gegeben.

2013: Sophie Kattus tritt in jenes Familienunternehmen ein, das nun schon die fünfte Generation sieht.

2017: Kattus feiert seinen 160. Geburtstag standesgemäß mit einem speziellen Jubiläumssekt.

2019: Unter dem Namen „Kattus-Borco Vertrieb“ bündeln die beiden Renommierhäuser aus Wien und Hamburg ihren Vertrieb von Schaumwein und Spirituosen in Österreich. Mit „Kattus Organic“ kommt im September der erste Biosekt aus dem Hause Kattus auf den heimischen Markt.

Kattus in Zahlen
Gründung: 1857
Beginn der Sekterzeugung: 1890
Standort: 1190 Wien
Mitarbeiter: 50
Jährlicher Umsatz: 40 Millionen Euro
Jährlich abgefüllte Flaschen: 1,5 Millionen
Eigenmarken: 1 mit unterschiedlichen Produkten
Fremdvertriebsmarken: rund 90, unter anderem Corona Extra, Stroh, Russian Standard oder The Dalmore

Beitrag teilen

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on telegram
Telegram
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on email
Email

Der Newsletter von assets – das Wirtschaftsmagazin für Vermögen und Werte:
Mit wöchentlichen Updates zu Nachrichten aus der globalen Wirtschaftswelt, verblüffenden Fakten von internationalen Finanzplätzen und Statistiken, Trends und Daten zu Branchen und Zukunftstechnologien.

Damit Sie heute schon wissen, worauf Sie morgen achten sollten. Plus: Empfehlungen fürs angenehme Leben.